Bekannte und unbekannte Unbekannte
In einem Interview in der NZZaS vom 17. Mai 2020 antwortet der britische Ökonom Paul Collier, der Bücher zum sozialen Kapitalismus und zur Flüchtlingspolitik publiziert hat, auf die Frage, was jetzt passieren wird:
Collier: »Wir wissen es nicht. Wir sind in einer Situation der radikalen Ungewissheit . Es gibt kein Modell, das uns erklären würde, was jetzt passiert. Die richtige Antwort auf die Frage ‘Was sollten wir tun?’ gibt es nicht. Wir haben zu viele Unbekannte, bekannte und unbekannte.
NZZaS: »Das tönt kompliziert.«
Collier: »Bekannte Unbekannte sind Dinge, die uns bei der Frage, was wir tun sollen, in eine bessere Position versetzen würden. Unbekannte Unbekannte sind Ereignisse und Dinge, die passieren werden und von denen wir nichts wissen.«
NZZaS: »Was können wir tun?«
Collier: »Wir müssen Daten sammeln.«
Collier führt weiter aus, dass man testen müsse und einen Impfstoff entwickeln, der allen zugänglich gemacht werden muss. Das unbekannte Unbekannte muss bekannter werden (Zitat Donald Rumsfeld).
NZZaS: »Was sollten wir bei den unbekannten Unbekannten tun?«
Collier: »Gesellschaften können sich für die unbekannten Risiken nur mit Widerstandsfähigkeit wappnen. Die Schweiz ist sehr gut darin. Nehmen wir die Versorgungssicherheit… Die Schweiz hat hohe Widerstandskraft, auch dank ihrem Föderalismus. Sie ist vorbereitet für unbekannte Unbekannte.«
Kooperation
In der gleichen Ausgabe der NZZaS ist auch ein Porträt des Wirtschaftswissenschaftlers und Spieltheoretikers Robert Auman erschienen. Auman untersucht die Bedingungen, unter denen Menschen mit unterschiedlichen Interessen kooperatives Verhalten an den Tag legen. Ausgangspunkt ist das sogenannte und beliebte .

Strafanstalt Regensdorf (ETH-Bibliothek Zürich,
Bildarchiv/Fotograf: Comet Photo AG, Zürich)
Danach arbeitet eine Partei eher nicht zusammen, wenn sie nicht weiß, ob die andere mitzieht, weil dann die Gefahr besteht, über den Tisch gezogen zu werden. Das greife aber laut Auman zu kurz. Denn die »Leute neigen zur Kooperation, wenn sie nicht wissen, wie lange das Spiel dauert und wie oft es sich wiederholt.« Hierfür hat er mathematische Modelle kalkuliert und einen Nobelpreis eingeheimst. Wer nur kurzfristig handelt, also nur jeweils ein Spiel spielt, so seine Berechnungen, verpasst die Gelegenheit, dank wiederholtem Spielen sich immer kooperativer zu verhalten und auf lange Frist höhere Gewinne zu erzielen. Es ist eine Frage des Aufbaus von Vertrauen und der Vermeidung von Sanktionen, das bringt für alle Vorteile. Dabei entstehen zwischen den Parteien Regelwerke, die Verlässlichkeit und Sicherheit garantieren (apropos garantieren). Das kann so weit gehen, dass die Spieler die Regeln internalisieren und sich auch unbewusst kooperativ verhalten, zum Beispiel wenn sie in einer Situation sind, die mit einem anderen, fernen Partner nur einmal durchgespielt wird. Der homo oeconomicus, der in den Wirtschaftswissenschaften lange Zeit der Prototyp des rational handelnden Menschen war (auf Kosten eines suboptimalen gesellschaftlichen Gesamtresultats), hat einen weiteren Rückschlag einzustecken. Auman sagt, dass kooperatives Verhalten sich letztlich im Sinne eines »darwinischen Auswahlverfahrens« durchsetzen wird. Obwohl der Einzelne vielleicht noch glauben mag, er handle als homo oeconomicus und nur zum eigenen Vorteil, verhält er sich dennoch unwissentlich bereits solidarisch. »Ohne sich dessen bewusst zu sein, befolgt der Mensch diese Faustregeln solidarischen Handelns auch in Krisenzeiten.« Das Hamstern von WC-Rollen zeigt, dass Gegenbewegungen nicht auszuschließen sind.
Mit einem anderen Fokus vertritt der oben schon vorgestellte Paul Collier ähnliche Ansichten. Collier spricht von wechselseitigen Verpflichtungen und kritisiert einen übersteigerten Individualismus (und denkt dabei an den homo oeconomicus), der in gewissen Ländern auch Vertreter in den höchsten Stellen erfasst hat. Er bemängelt, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl vielerorts verloren gegangen sei, ist insgesamt also skeptischer als Auman. Dabei hätte das Eingehen von gegenseitigen Verpflichtungen zur Folge, dass der Einzelne sich einsetzt für das Gemeinwohl. Das passiere jetzt gerade mit der Einhaltung von Regeln wie dem Social Distancing oder dem Tragen von Masken. Das sei ein gutes Zeichen und ein Beleg dafür, dass ein Gefühl für die gegenseitige Verantwortung existiere. Also auch Collier ist in einem gewissen Sinne der Meinung, dass jener Individualismus, in dem jeder nur auf seinen eigenen Vorteil aus ist, gesamtgesellschaftlich betrachtet zu einem suboptimalen Ergebnis führt. Spieltheoretisch umgemünzt ist die Summe der Gefängnisjahre in einer individualistisch geprägten Welt höher, der Schaden größer und deshalb der Gesamtnutzen rein egoistischen Verhaltens tiefer, als wenn die Menschen kooperieren und gemeinschaftlich handeln.