Florian Scheuba über Heiratsschwindler, die an Liebe glauben

Florian Scheuba warnt vor den Schattenseiten der Globulisierung.
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Unter anderem über österreichische Politiker, ein Wurmmittel und eine verdeckte Aktion von Wiener Kanalarbeitern, die heimlich Demonstranten impfen sollen, spricht Scheuba in einem Gespräch mit der SZ vom 4./5. Dezember 2021. Manchmal geraten Realität und Satire durcheinander.
Das Böse kommt aus der Unterwelt. Filmstill aus »Der dritte Mann«. Carol Reed's Production, 1949.

Florian Scheuba findet die Bezeichnung, er sei ein investigativer Kabarettist nicht ganz falsch, wobei er seine Rolle »eher als Übersetzer von Rechercheergebnissen, die andere erzielt haben, in satirischer Form« versteht. Immerhin hat er beispielsweise erwirkt, dass im Parlament Anfragen eingereicht wurden, weil er nachweisen konnte, dass der Glücksspielkonzern Novomatic keine Steuern bezahlt hatte auf Erträge, die aus dem illegalen Glücksspiel erwirtschaftet wurden. Bizarr, aber wahr: In Österreich müssen nämlich auch auf illegales Glücksspiel Abgaben entrichtet werden. Scheuba sieht darin auch ein Versagen der Medien, die es versäumt haben, darüber zu berichten, da sie nicht unabhängig sind. Nicht zuletzt die Affäre um Sebastian Kurz habe gezeigt, dass es eine enge Verstrickung zwischen Politik und Berichterstattung gibt. Wer Anzeigen in den Zeitungen schaltet, kann mitbestimmen, was publiziert wird. Manches, so resümiert die SZ,  liegt im Argen: Chatprotokolle, Ibiza, Ermittlungen gegen hohe Politiker, Maßnahmenwirrwarr. Viele Österreicher sprechen von einer Banananrepublik.

Scheuba: »Bananenrepublik ist politisch nicht korrekt.«

SZ: »Schurkenstaat?«

»In dieser Liga spielt Österreich nicht mit.«

»Operettenstaat?«

»Dazu ist das, was derzeit passiert, nicht heiter genug. Ich bin außerdem froh, dass (Kabarett-)Programme über Korruption in Österreich noch möglich sind; in einer Kleptokratur wie Ungarn zum Beispiel ist das schon schwieriger. Allein schon aufgrund der Menge an Korruptionsfällen im Umkreis der Familie von Viktor Orbán…«

»… Wie hätten Sie Kurz als Figur angelegt?«

»Oberflächlich. Es gibt ein Zitat des US-Investors Larry Fink, bei dem Kurz einst in den USA vorgesprochen hatte. Nach dem Gespräch soll Fink dem Mann, der das Treffen eingefädelt hatte, irritiert gefragt haben, ob der Mann echt oder ob das eine Art versteckte Kamera war. Fink befand: No substance, no content, no interest. Keine Substanz, kein Inhalt, kein Interesse. Das politische Programm von Sebastian Kurz hieß immer Sebastian Kurz.«

»Er hat zwei Wahlen gewonnen, seine Partei ist ihm begeistert gefolgt. Warum?«

»Weil er eine fantastische Projektionsfläche war. Man konnte sehr viel in ihn hineinprojizieren: modern, dynamisch, jung, Erneuerer, Reformer, Vaterlandsverteidiger, Neokonservativer, Liberaler. Verschiedene Zielgruppen haben Unterschiedliches in ihm gesehen. Wenn er ein Mutant wäre, ein Held aus dem Superuniversum, dann wäre sein Name ›Projekto‹ gewesen.«

»Glaubte Projekto sich selbst und dem, was er darstellen wollte?«

»Vielleicht. Auch manche Heiratsschwindler glauben an die Liebe.«

Zu Kurz’ Abschied aus der Politik: »Über seine Absichten und Zukunftsaussichten hing schon lange das ›Damokles-Handy‹: das Handy von Thomas Schmid, ein langjähriger Player aus der Partie von Sebastian Kurz, auf dem sich 334’600 Nachrichten finden, welche die Staatsanwaltschaft erst zum Teil ausgewertet hat.«

Zum studierten Philosophen, Entwurmungsempfehler und FPÖ-Politiker Herbert Kickl: »Wie würden Sie den Rechtspopulisten Herbert Kickl anlegen?«

»Verschlagen. Er selbst nimmt wahrscheinlich kein Entwurmungsmittel. Populisten wie er handeln aus tiefster Überzeugung; er hat die Marktlücke gesehen und vermutet, dass die Impfgegner eine politische Vertretung brauchen. Wenn wir uns vorstellen, das Ibiza-Video wäre nicht öffentlich worden, die erste Regierung Kurz wäre nicht zerbrochen und Kickl wäre 2019 Innenminister einer türkis-blauen Regierung geblieben, dann hätte er die Autorität, die ihm die Pandemie verschafft hätte, bestimmt genossen – und wäre nie zum Impfgegner geworden.«

Dass so viele Menschen von Staatsterrorismus und Impfregime sprechen, »sagt uns, dass bis zu einem Drittel der Wähler hier empfänglich ist für absurde Pseudopolitik. Man kann viele dieser Leute schwer erreichen mit Argumenten, da dringt man nicht mehr durch. Das Paralleluniversum des Herbert Kickl ist voller Wurmlöcher. Aber nicht alle in diesem Impfgegnerlager sind rechtsextrem. Manches scheint auch das Resultat einer langjährigen Esoterik-Verharmlosung zu sein. Man könnte beispielsweise den Grünen den Vorwurf machen, sie hätten die Schattenseiten der Globalisierung gut erkannt, aber nicht der der Globulisierung. Die Ernte davon fahren wir jetzt ein, weil viele Lügen mit Meinungen verwechseln und behaupten, ein Recht auf ihre eigenen Fakten zu haben. Aber damit hört der Diskurs generell auf. Das geht weit über die Zuordnung in ein Links-rechts-Schema hinaus.«

Manchmal geraten Realität und Satire durcheinander. Wenn etwa Strache einen Blödsinn herausposaunt und hinterher behauptet, es sei satirisch gemeint gewesen (dieses Muster kennen wir auch bei Trump). Oder umgekehrt: es wird etwas Satirisches verbreitet und die Leute nehmen es ernst. Vor einer Coronademo wurden spasseshalber die Teilnehmer gewarnt, dass sich im Kanalsystem Mitarbeiter der Gemeinde Wien versteckten, die die Leute verdeckt aus den Kanaldeckeln heraus impfen würden. Man solle bitte schön Stiefel anziehen. Das haben dann tatsächlich viele Demonstranten gemacht.

Dann wird das Gespräch wieder auf die österreichische Personal-Politik gelenkt. Die SZ will wissen, weshalb es in Österreich keine Rücktrittskultur gibt.

»Dieses Land wurde in den vergangenen zwanzig Jahren durch eine Rücktrittsresistenz fördernde Propaganda verseucht. Sinnbild ist der Slogan: ›Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist.‹ Ursprünglich kommt das von Jörg Haider – aber ich weiß nicht, wie oft das in abgewandelter Form schon plakatiert worden ist. Damit entfällt, scheinbar, jede Pflicht, sein eigenes Handeln zu rechtfertigen. Dieser Häusl-Schmäh funktioniert immer noch. Außerdem ist die Bereitschaft, einzusehen, dass man auf Falschspieler gesetzt hat, generell gering. Deshalb sind die meisten Falschspieler in diesem Land nicht abgewählt worden, sondern an sich selbst gescheitert. Derzeit zeichnet sich wieder das gleiche Muster ab: Die Partie rund um Sebastian Kurz war sich zu sicher, sie haben gedacht, sie könnten sich alles erlauben.«

Und nun noch, nach Kurz und Kickl, zu Strache:

»Ich beobachte bei manchen Kollegen mittlerweile mitleidsgeprägte Sympathie für Strache. Er ist ein solcher Dolm, dass man ihm fast weniger böse ist als den anderen. Meine Lieblingsgeschichte ist, wie dieser Mann, der ja gerne Kanzler geworden wäre, in der Privatwirtschaft gescheitert ist. Strache ist gelernter Zahntechniker und hatte vor einiger Zeit eine Firma namens Care Partners gemeinsam mit dem Eurofighter-Lobbyisten und Ex-FPÖ-Bundesgeschäftsführer Gernot Rumpold. Die Care Partners boten Kredite für Zahnarztdienstleistungen, der Werbespruch war: ›Sie lachen, wir zahlen‹. Die Firma ist binnen kürzester Zeit den Bach runtergegangen, und man muss nur eine Minute nachdenken, warum das passieren musste: Wenn du jemandem einen Kredit für ein Auto gibst und er kann den Kredit nicht bedienen, dann gehört dir das Auto. Wenn jemand den Kredit für die blendamedweißen Zähne nicht bedienen kann, dann…«

»Wie hieße denn, für ein Bühnenprogramm, die Überschrift über die letzten Jahre in Österreich mit all den Skandalen, bösen Chats und Ermittlungen? Aufstieg und Fall des Hauses Türkis?«

»Man könnte alles mit einem SMS von Thomas Schmid, dem Kurz-Freund und Urheber der meisten Chatnachrichten, sagen, die auch der Titel des Buches ist, an dem ich gerade schreibe: ›Wenn das in die Hose geht, sind wir hin.‹«

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Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)