Die erste Welle scheint überstanden zu sein. Es fragt sich nun, wie der zweiten Welle begegnet werden kann. In der SZ stellen Felix Ebert, Christian Endt, Julia Kandler, Sebastian Tanke, Sören Müller-Hansen drei Szenarien vor: Der beste und der schlimmste Fall sowie der Balanceakt.
Der beste Fall: Eine stabile Situation erreicht man naturgemäß, wenn die Infektionszahlen auf nahe null gesenkt werden können, wie das in Südkorea und Taiwan erreicht wurde. Das bedeutet, dass auch nach den Lockerungen die Reproduktionszahl deutlich unter eins bleiben muss. Das Helmholtz-Institut für Infektionsforschung erachtet einen Wert von 0,75 als ideal, um die wirtschaftlichen Folgen unter Kontrolle zu bringen. Ein tieferer Wert wäre zwar für die Bekämpfung der Pandemie besser, aber die Kosten der dafür notwendigen Einschränkungen zu teuer. Ein höherer Wert wäre kurzfristig zwar ökonomisch günstiger, mittel- und langfristig würden die Gesamtkosten jedoch stark ansteigen, da es länger dauert, bis die Pandemie weitgehend abgeklungen ist. Die Aufgabe für die Gesundheitsämter, so das Institut, bestünde in der Erhöhung der Testkapazität und im konsequenten Zurückverfolgen der positiv Getesteten und deren Isolation sowie in der Einhaltung der Quarantäne bei den Infizierten ohne Symptome.
Der schlimmste Fall: Die zweite Welle rollt im Herbst an, wenn sich die Leute wieder vermehrt in geschlossenen Räumen aufhalten und die Präventionsmaßnahmen nur unzureichend befolgt werden. Das Infektionsrisiko steigt und da das Virus im ganzen Land verstreut ist, kann es überall gleichzeitig Unheil anrichten. Die Reproduktionszahl steigt ebenfalls. Die Menschen müssen wieder geschützt werden. Die zu treffenden Maßnahmen für Wirtschaft und Öffentlichkeit wären vermutlich einschneidender als bei der ersten Welle.
Der Balanceakt: Die Infektionszahlen tendieren zwar nicht gegen null, stabilisieren sich aber auf vertretbar tiefem Niveau. Einige Lockerungen können bestehen bleiben, aber bei Anstieg der Fälle müssten die Schrauben wieder angezogen, gewisse Freiheiten wieder eingeschränkt werden. Diese Balance müsste eine Zeitlang durchgehalten werden. Die Reproduktionszahl sollte den Wert eins nicht übersteigen, zumindest nicht über längere Zeit. Regional muss bei einer kritischen Situation sofort reagiert werden, um eine interregionale Ausbreitung zu verhindern. Für die Wirtschaft ist diese Variante heikel. Die Ungewissheit und das fehlende Vertrauen in den Fortgang des Geschehens könnten große Schäden anrichten. Ein dauernder Wechsel zwischen Shutdown und Öffnung würde vermutlich zu einem Einbruch des Konsums führen und die Firmen daran hindern, zu investieren.
Sowieso müssen wir in den nächsten Monaten mit dem Virus leben. Mit welchen Einschränkungen und Risiken bestimmen wir selbst.