Über Zoonosen II

Woher kommt das Virus?
Das Virus kommt von irgendwo her. Meist springt es von einem Tier auf den Menschen. Man nennt das Zoonose. Der Künstler Julian Charrière hat in einem Video ein treffendes Bild gefunden, inwiefern der Mensch diesen Vorgang unterstützen kann.
Frosch, getarnt

Fledermäuse, so schrieb Susan Boos in der WOZ vom 2. April 2020, halten sich gerne in Palmölplantagen auf (Pandemien fallen nicht vom Himmel). Solche Plantagen werden oft in Regionen aufgezogen, die vorher nicht extensiv oder gar nicht von Menschen genutzt wurden.

Das Bild einer flatternden Fledermaus in einer Palmölplantage erinnert uns an das unscharfe Foto eines fliegenden Flugzeugs, rechts davon sind zwei Türme sichtbar. Diese Erinnerung ist trügerisch und führt in die Irre, der Vergleich ist unstatthaft, hält uns aber vor Augen, worin dieses Unstatthafte liegt. Im Cockpit des Flugzeugs saß Mohammed Atta und steuerte absichtlich, willentlich und in vollem Bewusstsein, dass eine Katastrophe geschehen wird, in den Nordturm des World Trade Centers von New York. Man schrieb den 11. September 2001. Atta vollzog einen Teil eines gewaltigen Terroraktes, der innerhalb der vorausgegangenen zehn Jahre von Chalid Scheich Mohammed und Mohammed Atef im Auftrag von Osama bin Laden minutiös geplant worden war.

Eine in einer Palmölplantage herumflatternde Fledermaus ist vielleicht Träger eines tödlichen Virus. Die als »Batwoman« bekannt gewordene Virologin Shi Zhengli des Wuhan Institute of Virology sagte jüngst im chinesischen Fernsehen, das Coronavirus sei die Strafe der Natur für die unzivilisierte Lebensweise des Menschen (Chronik einer angekündigten Katastrophe). Hinter diesem tödlichen Virus steht aber keine Absicht, kein Willen zum Morden, keine politische oder religiöse Botschaft und kein Bewusstsein; oder wie Paul Jandl in der NZZ am 9. April 2020 schreibt, das Virus ist eine »biochemische Entität«; oder wie Max Frischs Protagonist Geiser in Der Mensch erscheint im Holozän sagte, dass die Gesteine sein, Geisers, Gedächtnis nicht brauchten (In eigener Sache).

Alles, was wir über Fledermäuse und ihre Viren wissen, sind Ansichten und Erkenntnisse, die wir aufgrund von Beobachtungen, Beschreibungen, Interpretationen, Geschichten, Untersuchungen und Forschungen gewonnen haben. Die Fledermaus kümmert sich aber einen Dreck darum und fliegt weiter.

Das Virus legt also keinen Wert darauf, dass wir Bescheid wissen über es, wir jedoch schon. 2002/2003 erkrankten in Südchina zahlreiche Menschen an einer Lungenkrankheit, die durch ein SARS-Virus ausgelöst wurde, mehr als 700 starben daran. Die bereits erwähnte chinesische Forscherin Shi Zhengli vom WIV machte sich in der Folge auf die Suche der Herkunft dieses Virus. Sie und ihr Team überprüften dabei die These, ob es in einer Fledermausart in Südchina vorkommt. Sie packten die Koffer und reisten in die Provinz Yunnan. Nach ersten ergebnislosen Fängen fand sie schließlich in der Shitou-Höhle bei Kunming in drei Proben von Chinesischen Hufeisennasen Antikörper (Chinesische Hufeisennase). Sie intensivierte ihre Suche und entdeckte in den Fledermäusen Coronaviren, die sie SL-CoV nannte (SL für SARS-Like). In Science veröffentlichte sie ihre Ergebnisse im Oktober 2005.

Im Jahre 2013 konnte sie unter anderem mit dem britisch-amerikanischen Zoologen Peter Daszak nachweisen, dass die Genome von Viren in einer Chinesischen Hufeisennase zu 97 Prozent mit dem Erreger übereinstimmten, die bei Larvenrollern (eine Schleichkatzenart) in Guangdong identifiziert worden waren und die den Ausbruch in Südchina ausgelöst hatten (nature, Oktober 2013). Die USA finanzierten daraufhin ein Forschungsprojekt von Peter Daszak und Shi Zhengli, welches im Schwesterlabor des National Biosafety Laboratorys in Wuhan durchgeführt wurde. Die Übertragung von Fledermausviren auf Menschen sollen noch genauer untersucht werden. Das Projekt kostete bis 2019 mehr als 3 Millionen USD. Es war erfolgreich und wurde um fünf weitere Jahre verlängert. Aufgrund von Daszaks und Shis Ergebnissen wurde zum Beispiel das Medikament Remdevisir entwickelt, das zur Bekämpfung des SARS-CoV-2 eingesetzt wird (dessen Wirkung unterdessen aber angezweifelt wird). Die Gelder wurden auf Anweisung des US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) im Frühjahr 2020 wieder gestrichen. Querelen zwischen China und den USA und der geäußerte Verdacht der US-amerikanischen Regierung, das Virus stamme aus einem Labor in Wuhan, haben zu diesem Schritt geführt.

Shi selber bekam am 30. Dezember 2019 Proben von Patienten aus dem Wuhan Central Hospital zugeschickt, die aufgrund der neuen Krankheit hospitalisiert wurden. Bis am 7. Januar fand Shis Team heraus, dass das neue Virus für die Krankheit verantwortlich war. Gleichzeitig durchforstete sie sämtliche Virenstämme, die sie bis anhin gesammelt hatte und fand keine Gensequenzen, die mit dem neuen Virus übereinstimmten. Also auch nicht mit den Hybriden, die sie selbst hergestellt und mit denen sie sogenannte gain-of-function-Versuche durchgeführt hatte. Die Wahrscheinlichkeit eines Laborausbruchs ist minim, groß aber, dass eine Zoonose die Übertragung ermöglichte.

Blicken wir auf weitere Zoonosen (Über Wirte und Märkte).

Szenenwechsel mit einem kurzen Abstecher nach Uganda. Die Medizinerin Laura Bloomfield von der Stanford University sammelt im Gebiet des Kibale Nationalparks Daten und Geschichten von Begegnungen zwischen Menschen und Affen, schreibt Die Zeit in einem Text zur Zoonose. Am Rande dieses Parks ist zurzeit ein rasantes Bevölkerungswachstum im Gange. Das hat zur Folge, dass die Leute vermehrt in den Park ausweichen, um Bau- oder Brennholz zu schlagen oder Tiere für die Nahrung zu jagen und Pflanzen zu suchen. Zwangsläufig kommt es zu Aufeinandertreffen von Mensch und Affe. Jeder direkte oder indirekte Kontakt bietet eine Gelegenheit für die Übertragung von Affenviren, wie beispielsweise einst beim HI-Virus. Gerade Affenviren sind für Menschen gefährlich. Die Analyse, an welchen Viren Menschenaffen erkranken, lässt Schlüsse auf den Verlauf von Krankheiten bei Menschen zu. Bloomfield folgert aus ihren Beobachtungen, dass »je stärker ein Wald zerstört wird, desto größer (ist) das Risiko, dass Menschen sich mit Zoonosen anstecken.« Ref.

Etwa 3000 Viren wurden bisher beschrieben, Forscher schätzen, dass es mindestens eine Million gibt. Zoonotische Epidemien gibt es vermutlich seit der Mensch sesshaft geworden ist, sich also vor etwa 12’000 Jahren quasi selbst aus dem Kreislauf der nomadischen Lebensform des Jagens und Sammelns genommen hatte, und sich der Nutztierhaltung und dem Ackerbau verschrieb. Manche Wissenschaftler glauben, dass damals das Zeitalter des Anthropozäns begonnen hat (Timothy Morton).

Eine erste nachweisbare Influenza-Epidemie gab es vor 3200 Jahren in Zentral- und Südasien, seither gehören Seuchenzüge zur menschlichen Geschichte. Und seither gibt es auch Zoonosen. Der oben erwähnte SARS-Nachweis auf Larvenroller in Guangdong ist einer der bekanntesten Fälle aus der jüngsten Vergangenheit.

Drei Tatorte von Zoonosen sind zu unterscheiden: erstens schlecht unterhaltene Nutztierbestände (im März 2020 wurden SARS-CoV-2 in einer Nerzpelzfarm in den Niederlanden gefunden, im Oktober 2020 auch in Dänemark), zweitens Lebendtiermärkte (hier tummeln sich vor allem die Zwischenwirte wie Schuppentiere, Schleichkatzen, Marderhunde, Dachse, Schlangen) und drittens jene unkultivierten Orte und Regionen, in die der Mensch eingedrungen ist und dabei die natürlichen Lebensräume verändert oder zerstört hat. Ob das neue SARS-CoV-2-Virus wirklich, wie vermutet wird, über ein Schuppentier auf den Menschen übertragen wurde, ist noch zu klären.

Es lohnt sich, die Ursachen von Pandemien zu ergründen. Diese Forschung dient als Grundlage für die Entwicklung von Medikamenten. Aber dass Viren existieren, die Krankheiten auslösen, hat an sich nichts Sinnhaftes und es verbirgt sich kein Plan dahinter. Der NYT-Kolumnist Thomas L. Friedman sagt es so: »Mutter Natur ist nur Chemie, Biologie und Physik, und der Motor, der sie antreibt, unterliegt einer Regel: jener der natürlichen Auslese. Das ist das Streben aller Organismen, zu überleben und in irgendeiner ökologischen Nische zu gedeihen. Sie kämpfen darum, ihre DNA an ihre nächste Generation weiterzugeben und nicht unter denen zu landen, die an den Hersteller zurückgesandt und stillgelegt werden.« Ref. Insofern erweist ein Virus sich selbst keinen Dienst, wenn der Wirt, in dem er sitzt, stirbt. Der Zürcher Professor für Nachhaltigkeit Kai Niebert sagt: »In der Natur hat alles, was passiert eine Ursache, aber dahinter steckt kein Wille«. Ref.

Und so kehren wir nochmals zu Paul Jandls biochemischer Entität und Max Frischs Gesteine, die sein Gedächtnis nicht brauchen, zurück. Erst wenn wir Ursachen von Pandemien erforschen, wenn wir also Zusammenhänge zwischen dieser biochemischen Entität und deren Auswirkung auf die Gesundheit des Menschen suchen, erst dann also beginnen wir eine Erzählung. Es gibt also unverrückbare Fakten und Gesetze, die wir mit unserem Denken nicht ändern können, die wirklich sind, ohne dass wir sie erfinden müssen, geschweige denn erfinden können. Gottfried Wilhelm Leibniz würde von Tatsachenwahrheit sprechen. Diese Erzählung kann, wie bei Bloomfield, Shi und Daszak physikalisch, biologisch, mathematisch oder wissenschaftlich, wie bei Jandl feuilletonistisch oder wie bei Frisch belletristisch sein. Friedrich Dürrenmatt bemerkte hinsichtlich der Fiktion, dass Schriftsteller mit »bewusst erfundenen Vorstellungen die Wirklichkeit zu beschreiben vermögen.« Ref.  Er unterscheidet eine physikalische und mathematische Fiktion, die eine physikalische Antwort erfordert, von einer künstlerischen Fiktion, die eine »künstliche Gegenwirklichkeit« herstellt. Jene Wahrheiten würde Leibniz Vernunftwahrheit nennen.

Hier noch ein Beispiel einer künstlerischen Fiktion:

Der Schweizer Künstler Julian Charrière war auf einer seiner Reisen in einer Palmölplantage in Indonesien. Palmenhaine sind beliebte Jagdgebiete von Fledermäusen, auch von solchen, die mit Viren herumfliegen (Vgl. Pandemien fallen nicht vom Himmel). Charrière drehte ein Video mit dem Titel An Invitation to Disappear. In einer kaum enden wollenden, linearen Kamerafahrt durch die weitläufigen Baumreihen einer Palmölplantage blicken wir auf die zahllosen Bäume, die links und rechts gemächlich an uns vorbeiziehen. Es dämmert. Auf dem Boden liegen zerstreut Palmwedel herum, die Farben sind dumpf, das Grün ist matt. Kaum zu glauben, dass hier etwas so Wertvolles und Nützliches wächst, das in der Körpermilch, in Kosmetika, im Rasierschaum, im Waschmittel, in unzähligen Nahrungsmitteln oder wo auch immer verarbeitet wird. Es ist also die Nachfrage nach dem so praktischen Palmöl, die in der Landschaft eine zivilisatorische Spur fräst und diese dabei veröden lässt und die gleichzeitig die natürlichen Lebenswelten einheimischer Tier- und Pflanzenarten zurückdrängt. Die Monotonie der Monokultur prägt sich durch die Langsamkeit der Kamerafahrt und das dumpfe Rascheln natürlicher Geräusche umso mehr ein. Wir denken, das geht endlos so weiter. Aber. Bald werden erst ganz schwach, dann immer dominanter Techno-Beats hörbar. Wird irgendwo in dieser endlosen und eintönigen Ansammlung von Baumreihen gefeiert und getanzt? Bald sehen wir Lichter, farbige Scheinwerfer, aufsteigende Trockennebel. Die Musik wird lauter. Schließlich dringt die Kamera in ihrer unbeirrbaren Fahrt durch die Palmenreihen zu einem Plantagen-Rave vor. Obwohl keine Menschenseele auszumachen ist, sind wir nun definitiv in einer menschengemachten, technifizierten und lauten Glamour-Umgebung angekommen. Die Partyzone mit ihren Stroboskopen, Nebel und Klängen in der Leere wirkt verstörend, die Stimmung verdüstert sich. Wir stutzen kurz. Ist das, was wir sehen, eine Vorsehung? Werden in Zeiten verordneter physischer Distanz Partys ohne Menschen gefeiert? Am Ende fühlt man sich unbehaglich ob der Fremdheit des seelenlosen Fröhlichkeitssettings in dieser entrückten Welt. Gleichzeitig werden wir uns der Absurdität der Präsenz von Licht- und Ton-Equipments in dieser Umgebung bewusst.

Wir denken zurück und sehnen uns in dieser Kamerafahrt nach etwas Lebendigem: War da nicht eine Hufeisennase durchs Bild geflattert? Oder haben wir nicht wenigstens ihr typisches Chirpen gehört?

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Virus

Fritz Habekuss, In diesem Wald leben Tausende von Viren, Die Zeit, 20.Mai 2020

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)

NYT, 19. Mai 2020, App-Version

Ebd.

Friedrich Dürrenmatt, Sätze über das Theater, Zürich

Fritz Habekuss, In diesem Wald leben Tausende von Viren, Die Zeit, 20.Mai 2020