Ein Versuch über das Schweigen – und das Unterlassen

Zu Norbert Elias und dem Zivilisationsprozess
Ermüdungserscheinungen beim Einhalten der Quarantäne führen zu einem mürrischen Grummeln, das in jüngster Zeit aufgrund der Ausdehnung der Diskussion auf die Aufhebung des sogenannten Lockdowns zu einem vielstimmigen Lamento angewachsen ist. Eine Zwischenbemerkung.
Ein zivilisierter Hund in Paris

Ermüdungserscheinungen beim Einhalten der Quarantäne führen zu einem mürrischen Grummeln, das in jüngster Zeit aufgrund der Ausdehnung der Diskussion auf die Aufhebung des sogenannten Lockdowns zu einem vielstimmigen Lamento angewachsen ist. In der ersten Phase des Notstandsstaates dirigierte die Regierung ein Kammerorchester, ein abgemagertes Sinfonieorchester. Es klang schon fast beängstigend harmonisch, mit ein paar epidemiologischen Misstönen (Wissenschaft und Macht). Klassische Konzerte waren noch nie demokratische Veranstaltungen, der Dirigent kontrolliert. Jetzt dürfen alle wieder munter mitmusizieren und die Autorität des Dirigenten wird angezweifelt. Die Pauken poltern und die Trompeten tröten und die Bässe brummen. Der Kakophonie sind keine Grenzen gesetzt. Fastnächtliches Monsterkonzert. Das Aufbegehren der Mundtotverdonnerten war zu erwarten. Wer gedacht hat, es kehre etwas mehr Sachverstand und Ruhe in die politische Debatte ein, sah sich getäuscht. Nach den Virologen übernehmen wieder die – wie die Republik so treffend schreibt – Wirrologen. Alle bringen sich in Position, das Schweigen ist vorbei. Wieso eigentlich?

Schweigen heißt, nichts sagen. Vielleicht hat man nichts zu sagen oder vielleicht ist die Entscheidungsfindung noch nicht weit genug. Als gesteigerte Variante ist denkbar, etwas nicht zu sagen, obwohl man es gerne sagen möchte oder – quasi als Superlativ – wir verzichten darauf, etwas herauszuposaunen, obwohl wir es eigentlich unbedingt und unter allen Umständen tun wollten. Aber wir sitzen aufs Maul. Ähnliches gilt auch für das Unterlassen einer Handlung. Wir disziplinieren uns selbst, halten uns und unser Tun in Schach. Wir warten ab und reagieren abgeklärt. Auch hier gibt’s Steigerungsmöglichkeiten bis hin zum leeren Aktivismus. Akkurate Dosierung und richtiges Timing müssten aber zentral bleiben. Norbert Elias schrieb in den 1940er-Jahren Über den Prozess der Zivilisation. Das Werk gilt heute noch als Klassiker der soziologischen Literatur, auch wenn es die eine oder andere feinere oder gröbere Retusche erfahren hat. Eine zentrale These Elias’ besagt, dass im Prozess der Zivilisation die äußeren Zwänge, verstanden als das Erleben von Herrschaft der Mächtigen, zunehmend durch Mechanismen der inneren Kontrolle abgelöst werden. Immer besser wüssten wir selbst in diesem Prozess, was man tut und was man unterlässt, um das Zusammenleben zu ermöglichen. Das Über-Ich steuert unser Handeln in zunehmendem Maße. Dies macht uns sicherer und letztlich auch freier, weil wir viel weniger den Folgen tückischer Triebe, ausgelebter Affekte und launischer Willkür von Machthabern ausgeliefert sind.

Im Gegenzug, so Elias, wüchsen Konformitätsdruck und unbewusste soziale Restriktionen. Im Ganzen gesehen werden wir berechenbar und das erleichtert uns, mit der zunehmenden gesellschaftlichen Verflechtung zurecht zu kommen und gar voneinander zu lernen. Unser Verhalten zivilisiert sich, wenn wir darauf verzichten, unsere Bedürfnisse unmittelbar und sofort befriedigen zu wollen. Wir werden unfreier, wenn wir übereilt (re)agieren. Wir nicht-handeln im Jetzt mit Blick auf vernünftige, wohlüberlegte Optionen im Morgen. Zivilisierte Menschen handeln in der Regel zunehmend rational und denken psychologisch. »Die Beobachtung der Dinge und Menschen [werden] im Zuge der Zivilisation affektneutraler; auch das ›Weltbild‹ wird allmählich weniger unmittelbar durch die menschlichen Wünsche und Ängste bestimmt, und es orientiert sich stärker an dem, was wir ›Empirie‹ und ›Erfahrung‹ nennen…«, schreibt Elias. Auf überindividueller Ebene korrespondiert dies mit der Berechenbarkeit des Verhaltens von politisch legitimierten Instanzen der Macht. Auch die Machthaber sollten dem Zivilisationsprozess folgen.

Wir leben somit in einer Umgebung, in der die Rechtssicherheit, das Vertrauen in die Institutionen und die Absehbarkeit administrativer Handlungen vorausgesetzt werden können. Bedeutet die Notrecht-Regierung einen Rückschritt im zivilisatorischen Prozess? Ja und nein.

Auch Elias war klar, dass eine Menge Stolpersteine auf dem Weg zu einer zivilisierten Gesellschaft liegen, dass immer wieder Rückschläge einzustecken sind. Sein Antipode, der Ethnologe Hans Peter Duerr, der nachweisen wollte, dass Elias’ Theorie einer Wunschvorstellung gleichkommt, hat sie, die Stolpersteine, unter Zuhilfenahme von viel historischem Anschauungsmaterial zu einem beeindruckenden Haufen aufgeschüttet. Keine Frage, die zivilisatorische Entwicklung wurde immer wieder durch triebgesteuerte, affektbeladene, gewaltdurchtränkte Gegenbewegungen gestört und behindert. Keine Frage, schon in vorneuzeitlichen und nicht erst in modernen Gesellschaften gab es engmaschige soziale Netze, die die Menschen einer »unerbittlichen sozialen Kontrolle« (Duerr) unterworfen haben. Keine Frage, Elias nahm vor allem die Geschichte der westeuropäischen Hemisphäre in den Blick. Duerr wirft Elias vor, sich damit in der Nähe einer Kolonialideologie zu bewegen, stelle er doch die Überlegenheit der westlichen Gesellschaften nicht nur als »eine technisch-militärische, sondern als eine Überlegenheit in der Modellierung der Triebstruktur« dar.

Der Verdacht drängt sich auf, dass das Pendel bereits lange vor der Pandemie in Richtung Duerrschen Einwürfen ausgeschlagen hat. Das Bedürfnis zu schweigen, ist seit geraumer Zeit am Schwinden. Technische Neuerungen gestatten es einer Vielzahl von Menschen, nicht nur Konsumenten, sondern Produzenten von weit gestreuten Mitteilungen zu werden. Ungefiltert. Unkontrolliert. Ohne Gegenlesen. Weil: Meinungsfreiheit. Und das ist ein urdemokratisches Recht. Hinzu kommt, dass eine sachliche Souveränität – wenn sie jemals vorhanden war – manchen einflussreichen, aber auch anderen Personen abhandengekommen ist. Das zentrale Organ des Prozesses der Zivilisation, das Über-Ich, schwächelt. Und man fragt sich, wie dramatisch die Folgen eines Ausschlags ins Unzivilisierte sind. Was schwer wiegt, ist, dass auf der Bühne der Weltpolitik sich zurzeit eine Schar Akteure tummelt, bei der das Schweigen, das Unterlassen und das Abwägen von Argumenten nicht zu den Kernkompetenzen geschweige denn Kerntugenden zählt und die gerne affekt- und triebgesteuert herumwütet. Das verursacht bei vernunftgeleiteten Zeitgenossen größeres Kopfzerbrechen. Ein Paradebeispiel eines solchen Akteurs ist selbstredend – und er redet wirklich gerne über sich selbst – der ehemalige US-amerikanische Präsident Donald Trump. Bei ihm könnte man noch als faule Ausflucht vorbringen, er habe als Immobilienhändler und quasi Quizmaster andere Talente gepflegt als die für Politiker geeigneten, allerdings scheint er entwicklungs- und beratungsresistent zu sein. Bei anderen Zündlern müssen wir davon ausgehen, dass ihre häufig unqualifizierten Einlassungen bewusst und gezielt gesetzt werden, denn man ist bestrebt, die eigene Haltung zu bestätigen, störende Widersprüche werden ignoriert. Sie schaffen es nicht, ihr reflexartig ausgelebtes Tastentippen und – dafür gibt’s den treffenden Schweizerdeutschen Begriff – ihr »Hepen« zu unterdrücken und ihre Blödigkeiten zu unterlassen. Oder zu schweigen, um etwas für sie völlig Neues zu tun: nachzudenken. Dieser Geltungsdrang verbreitet vor allem nur eins, schlechte Stimmung. Also schon vor Corona stockte der Prozess der Zivilisation im eliasschen Sinn. In schon fast nostalgischer Art bewundert man die deutsche Bundeskanzlerin für ihren Langmut und die Fähigkeit, zu schweigen und zu unterlassen. Und in den USA würde man sich die ruhige Hand und die intellektuelle Brillanz eines Obama zurückwünschen.

Und jetzt noch der Notstandsstaat. Es ist Zeit für schnelles Handeln, jedoch nur für eine befristete Dauer. Der Notrecht-Staat weiß jedoch nicht genau wie, weil man es schlicht nicht wissen kann. Insgeheim bangt er um den Prozess der Zivilisation. Einerseits weil die Gesundheit der Bevölkerung stark gefährdet ist und andererseits, weil er – vielleicht unbewusst – um die unberechenbaren Folgen des schwächelnden Über-Ichs weiß. Elias’ These, dass wir zivilisierter werden, wenn wir rationaler handeln und die Gefühlswelt bestmöglich unter Kontrolle halten, werden erneut auf die Probe gestellt. Aber dass sie gültig bleibt, dafür setzt sich der Notstandsstaat ein. Und er kämpft mit einem paradoxen Kniff, indem er sich eines Mittels bedient, das er im Reservoir der Unzivilisierten findet: die Deklaration. Im Unterschied zu manchen Populisten stützt er sich bei seinen Entscheidungen auf die Wissenschaft, politische Haltungen sollen bestmöglich in den Hintergrund treten. Er ist sich bewusst, dass dieses Fachwissen im stetigen Wandel ist, Irrtum und Erkenntnis ist bekanntlich Teil des wissenschaftlichen Fortschritts. Gleichwohl verleiht sie dem Notstandstaat Kompetenz. Er rechnet mit der gesellschaftlichen Akzeptanz des wissenschaftlichen Knowhows und er vertraut auf das Verständnis der Bevölkerung. Er hofft darauf, dass die Mehrheit schweigen möge. Gleichzeitig scheint die Überzeugung durch, dass er sich nicht ganz sicher ist, ob das Einhalten der üblichen politischen Prozesse und Prozeduren das erwünschte Resultat brächte, wenn man sie berücksichtigen würde, vor allem wenn man bedenkt, dass die Zeit drängt. Immerhin sitzen in der Schweiz außer den Grünen alle relevanten politischen Parteien in der Regierung, von einem Staatsstreich einer politischen Partei kann keine Rede sein. Das Mittel, den Notstandstaat auszurufen, bedeutet einen Rückschritt, da er die politischen Verfahrensregeln verletzt; für den Prozess der Zivilisation allerdings soll daraus ein Fortschritt werden. – So hoffen wir zumindest.

Contenance, Selbstkontrolle, Unaufgeregtheit und Nachdenken sind gefordert. Man würde gerne glauben, diese Haltung nährte sich von der Überzeugung, dass der zivilisatorische Prozess voranschreiten solle und mit ihm das Projekt der Aufklärung.

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Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)