Manuel Battegay über den Gang der Pandemie in Zeiten von Omikron

Das Virus zirkuliert.
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In gewohnt unaufgeregter und sachlicher Art und Weise erläutert der Infektiologe Manuel Battegay die momentane Situation. Auszüge aus einem Interview in der Sonntagszeitung vom 16. Januar 2022
Ansteigende Kurven?

Auf die Frage, was sich mit Omikron geändert hat:

Manuel Battegay: »Wir haben mit Omikron eine Virusvariante, die sehr viel bestimmt. Schon bei Delta sahen wir, dass man das Virus nicht ganz kontrollieren konnte. Mit Omikron ist es nun so, dass es viel vorgibt, aber nicht alles. Wir dürfen uns deswegen keinesfalls passiv verhalten, sondern wir sollten dem zirkulierenden Virus bestmöglich aktiv begegnen… Die Impfung ist das Wichtigste. Es tut mir weh, wenn sich jemand ungeimpft dem Omikron-Virus aussetzt!«

Neue Studien würden darauf hindeuten, dass der Schutz vor Hospitalisationen mit jeder Dosis zunimmt. Zudem sollen immer noch die herkömmlichen nicht-pharmazeutischen Regeln beachtet werden. Aber gewisse Leute seien von einer Impfung nicht zu überzeugen. »Als Arzt bemühe ich mich um jeden einzelnen Menschen. Es ist wichtig, dass man korrekt informiert und erklärt. Die Erwartungshaltung vieler Menschen ist es, dass es nach einer Impfung keine Infektion gibt. Doch von dieser Vorstellung müssen wir uns verabschieden… Das heißt aber auch, dass alle Menschen irgendwann mit dem Virus infiziert werden… In Gesprächen erlebe ich sehr oft, dass Menschen, obwohl sie geboostert sind und keine Risikofaktoren haben, eine unglaubliche Angst haben, sich zu infizieren.«

Hat man erwartet, dass sich die neue Variante in so vielen Aspekten von anderen unterscheidet?

»Infektiologen und Virologen kann das nicht überraschen. Das Grippevirus ist extrem variabel, auch das HI-Virus kann sich theoretisch jeden Tag vollständig ändern… Es werden praktisch sicher neue Virusvarianten kommen, aber wegen der hohen Gesamtimmunität der Bevölkerung muss das Virus Kompromisse eingehen und für sich einen Weg finden… Dass das Sars-CoV-2 nochmal einen großen Sprung macht, glaube ich nicht…«

Wie sieht Battegay die Varianten-Situation?

»Ich spreche von einem Paradigmenwechsel. Das heißt: Erstens müssen wir mit Omikron endgültig akzeptieren, dass das Virus zirkuliert, und zwar in einem sehr starken Ausmass. Zweitens sind wir heute in einer ganz anderen Situation als vor einem Jahr, als wir noch nicht wussten, dass die Impfung so gut wirkt, auch gegen Omikron, und sehr sicher ist. Diese beiden Punkte bedeuten, dass wir unseren Denkansatz ändern müssen…«

Gesamthaft stehen wir vor dem Übergang in die Endemie.

»Aber wir können nochmals einen Berg vor uns haben… das Gesundheitssystem (könnte) nochmals sehr stark beansprucht werden… Aber ich möchte eine vorsichtige Zuversicht äußern. Den Weg, den die Schweiz… beschritten hat und für den wir in der zweiten Welle einen hohen Preis bezahlt haben, … hat dazu geführt, dass die Gesamtimmunität in der Bevölkerung schon hoch genug sein könnte, sodass die Belastung des Gesundheitssystems nicht noch höher wird… Wenn sich ein gesunder junger Mensch nach der Booster-Impfung nochmals infiziert, bringt das tatsächlich einen starken zusätzlichen Schutz… (In unserer Bevölkerung) leben rund 600’000 Menschen, die eine Form einer Abwehrschwäche haben oder sonst besonders gefährdet sind. Diese Menschen sollten sich jetzt möglichst nicht infizieren. Ihnen können wir heute schon monoklonale Antikörper verabreichen.« Zu dieser Gruppe gehören etwa: Krebspatienten (in Chemotherapie), Chronisch Darmerkrankte, Menschen, die an rheumatoider Arthritis, multipler Sklerose leiden etc. Sie alle haben ein geschwächtes Immunsystem, könnten aber mit monoklonaler Mitteln und später mit neuen Medikamenten beschwerdefrei leben.

Bedeutet eine Riesenwelle auch mehr Long Covid?

»Wir wissen momentan nicht, ob Omikron auch das Auftreten von Long Covid beeinflusst. Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es aber aufgrund der Symptome: Bei einer Omikron-Infektion klagen nur sehr wenige Betroffene über den Verlust des Geruchsinns. Und wir wissen, dass die Viren über den Riechnerv ins Gehirn gelangen. Das ist aber nur eine Hypothese, dafür brauchen wir mehr Daten… (Über Long Covid wissen wir), dass bei einem Teil der Patienten Virusbruchstücke für Wochen oder gar Monate im Körper bleiben… Wir nehmen an, dass dadurch die Immunantwort viel länger und stärker ist. Das ist ein Vorteil (wegen der Immunantwort, a.s.). Es gibt aber auch einen gewichtigen Nachteil, weil sehr wahrscheinlich bei einem Teil der Betroffenen die durch die Virusbruchstücke angeregte Entzündung weitergeht.« Bei 25 Prozent der Patienten dauert es etwa drei Monate, bei 10 Prozent ein Jahr oder länger. Battegay befürwortet ein Long-Covid-Register, noch besser wäre aber eine umfassende Kohortenstudie. Man weiß, dass Patienten, die aus der Intensivstation kommen, häufiger Long-Covid-Symptome haben, aber eben auch bei milden Verläufen kommt es vor.

Was hält Battegay von einer Zero-Covid-Strategie?

»Ich habe früher schon gesagt, dass eine Zero-Covid-Strategie als theoretisches Konzept zwar attraktiv ist, von der Biologie her aber schlicht nicht möglich. Ich kenne keine Infektiologen weltweit, die auf die Idee gekommen wären, das Virus eliminieren zu wollen. Spätestens mit Delta, aber eigentlich schon vorher war das illusorisch.«

 

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Virus

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)