Lektüren: Sebastian Herrmann, »Prof. Dr. Irrlicht«

Sherlock Holmes und die Intelligenz
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Die Wahrheit hat einen schweren Stand. Wichtiger als die rationale Analyse einer Sachlage scheint die Befriedigung gruppenspezifischer Anerkennung und affektiver Zuneigung zu sein. Oder: Wie entstehen Echokammern? SZ 16./17. Oktober 2021

Der Bewohner der Baker Street 221b in London gilt gemeinhin als einer der intelligentesten und klarsichtigsten Ermittler der Kriminalliteratur. Mit scharfem Verstand und naturwissenschaftlich inspirierten Methoden geht er seinem Metier mit der ihm eigenen deduktiven Logik nach. Seine Bildung ist umfassend, er verheddert sich kaum im üblichen »Knäuel aus Themen« und er findet mit unerschütterlichem Spürsinn stets den »Faden der Wahrheit«, den er zwischen den »Fingerspitzen… zum Wohle aller ans Licht« hervorzieht. Die Rede ist von Sherlock Holmes (siehe hier und hier).

Manch eine und manch einer wäre heutzutage froh, ein Geist wie Holmes würde die korrekte Meinung kundtun, zum Beispiel zur »Corona-Pandmie und den Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung; zu Covid-Vakzinen im Besonderen und dem Impfen im Allgemeinen; zum Klimawandel, zu Migrations- und Sozialpolitik, zu galligen Identitätsfragen und allen anderen Bereichen, in denen die Normalsterblichen den Irrlichtern krawalliger Gewissheit nachlaufen.«

In Zeiten der Aufklärung, in denen wir zu leben meinen, werden die Bildung und eine unbestechliche Intelligenz gerne als die zwei wegleitenden Prinzipien zur Lösung drängender Probleme propagiert. Und so glaubt man meist, die eigene Meinung sei mit Wissen und Verstand unterlegt, und nur der Gegner bediene sich inferiorer Mittel, durchschaue die Materie nicht und bedürfe deshalb der Aufklärung und einer rationalen Überzeugungsleistung. Ist dem wirklich so, fragt Sebastian Herrmann. Natürlich nicht.

Herrmann referiert neuere Artikel aus der psychologischen und sozialwissenschaftlichen Fachliteratur. Intelligenz und Bildung helfen nur in geringem Maße, relevante Sachverhalte zu verstehen und Fehlschlüsse zu vermeiden. Denn häufig steht uns unsere Weltanschauung im Wege. So basiere das Resultat einer Analyse oftmals mitnichten auf aufklärerischen Grundsätzen: »Wer schlau ist, verrennt sich womöglich erst recht in seiner Weltsicht.« Eine Studie von Brittany Shoots-Reinhard von der University of Ohio besagt, dass ein hohes verbales Vermögen ideologische Gegensätze verstärken kann. Herausgefunden hat dies die Psychologin am Beispiel der Bewertung der Covid-19-Pandemie. Eine hohe geistige Kapazität ermögliche es, (Irr)Meinungen und vermeintlich wahre Tatsachen problemlos in die eigene Weltanschauung zu integrieren. Es komme vor, so Shoots-Reinhard, dass sich die Leute mit ihren fragwürdigen Fakten hinter ihrer Ideologie verschanzen.

Dies kann ausgerechnet am Beispiel des Schöpfers von Sherlock Holmes, Arthur Conan Doyle, gezeigt werden. Doyle nahm »mit Hingabe an Séancen« teil. Und er war sich nicht zu schade, diese Leidenschaft zum Spiritismus trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner »Intelligenz, Bildung und Eloquenz« gegen den Bühnenmagier Harry Houdini zu verteidigen. Houdini soll Doyle dabei erwidert haben: »Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass die Menschen umso leichter zu täuschen sind, je größer ihr Geist und je umfassender ihre Bildung ist.« Shoots-Reinhard hat weiter festgestellt, dass solche Verhärtungen oder ideologische Einkapselungen kaum je mit einer angemessenen Analyse von Informationen zusammenhänge, sondern aufgrund von persönlichen, parteipolitischen oder weltanschaulichen Identifikationen entstehen.

Die Resultate decken sich mit Ergebnissen des Harvard-Psychologen David Perkins. Er ließ Studienteilnehmer bestimmte Positionen in strittigen Fragen einnehmen. Rational wäre es, wenn die Probandinnen die Informationen und die Beweggründe, die zu einer gewissen Haltung führen, gegeneinander abwägen und so zu einer nüchternen Einschätzung gelangen würden. Das war jedoch nicht der Fall, auch bei den besonders klugen Teilnehmern. Es traf gar das Gegenteil ein: je höher der Bildungsgrad war, desto hartnäckiger wurden jegliche Fakten so gedeutet, dass sie die eigene Sicht zementierten. Hierbei konnte es sich auch um Fake-News handeln. Kaum einer ließ sich von der Kraft des besseren Arguments oder einer glasklaren Analyse überzeugen.

Der Yale-Psychologe Dan Kahan untersuchte am Beispiel der Waffenkontrollgesetze, ob ein besserer Umgang mit Zahlen verzerrende Einschätzungen vermindern würden. Die Resultate waren nicht so eindeutig, tendierten gleichwohl in eine ähnliche Richtung. Sobald die Zahlen die eigene Überzeugung zu unterstützen schienen, wurden sie richtig interpretiert: »Die mathematisch begabten Republikaner lasen die Zahlen dann korrekt, wenn diese die Wirkungslosigkeit der Waffenkontrolle belegten.« Bei den Demokraten verhielt es sich – kaum überraschend – gerade umgekehrt.

Intelligenz ist aber auch ein probates Instrument, um sich gegen das treffende Gegenargument zu schützen. Je mehr es sich um das Thema »Identität« dreht, umso beharrlicher werden die Positionen verteidigt. Bezogen auf Doyle folgert Sebastian Herrmann: »Der Autor war vermutlich so sehr an die Verteidigung der spiritistischen Künste interessiert, weil seine Frau darin Erfolge hatte und die gemeinsamen Séancen für ihre Ehe wichtig waren.« Er wollte schließlich nicht seine eigene Frau verraten.

Politikwissenschaftlerinnen um David Barker von der American University in Washington D.C. untersuchten die Identitätszugehörigkeit ihrer Probanden. Die US-Demokratinnen sehen sich eher als Intellektuelle und glauben, ihre Sicht auf die Welt sei die richtige, also der anderen überlegen. Auf der politisch gegenüberliegenden Seite sind die Befragten überzeugt davon, sie folgten dem Prinzip des gesunden Menschenverstands, sie stünden also auf der richtigen Seite. Elfenbein-Gehabe auf der linken gegen Common-Sense-Gefasel auf der rechten Seite.

Ein weiterer Aspekt, inwiefern Ideologen dazu tendieren, sich als besonders schlau zu bewerten, zeigt sich im Problem der Selbstüberschätzung. Gerade die Schlauen hüben wie drüben neigen zu einer überheblichen Haltung, die gar zu einer narzisstischen Überhöhung führen kann. Die eigene Urteilskraft wird zur letztinstanzlichen Orientierungsgröße. Hierzu gibt es viele Beispiele, auch Nobelpreisträger. Etwa der Vordenker des PCR-Tests, Kary Mullis, der an die Astrologie glaubt und überzeugt ist davon, dass Aids nicht von einem Virus ausgelöst wird.

Meinungen über ein Thema, so folgert Herrmann, entstehen demnach nicht aufgrund der Holmes’schen empirischen Analyse und der rationalen Denkmethode, sondern aufgrund von Überzeugungen. Es gibt jedoch noch ein anderes Tatmotiv um irrzulichtern: Der Psychologe Jonathan Heidt hat ein Modell formuliert, das erklärt, dass Meinungen aufgrund von affektiven Reaktionen gebildet werden. Hat man sich für eine Seite entschieden, folgt bei den Schlauen der Aufbau einer möglichst widerspruchfreien Haltung. Diese Haltung soll dann gut verkauft werden, denn man sucht nach Bestätigung. Zwischenmenschlicher Zuspruch begünstigt diesen Prozess. Inwiefern dieses Wohlwollen von Fakten gestützt wird, ist unerheblich. Eine zentrale Rolle spielen zudem Statussymbole. Wer viel Applaus erhält, klettert auf der Anerkennungsleiter nach oben. Und wer noch nicht so weit oben ist, passt sich einem Vorbild an. »Wer schlau ist, tanzt die tollste Meinungsakrobatik.« Laut einer Studie im Fachblatt Evolutionary Psychology gelingt es den besonders Intelligenten am besten, »pompösen Bullshit« von sich zu geben. Es geht eben nicht um einen »klaren Blick auf die Phänomene der Welt, sondern (um die) erfolgreiche Navigation durch das Leben in großen, sozialen Verbänden«. Also geht es eben nicht um die Ergründung der Wahrheit einer Sache, sondern um das Erheischen von Annerkennung, Status und Ansehen bei den Mitmenschen und um die Verteidigung der eigenen Haltung gegenüber der gegnerischen Seite.

»Sherlock Holmes, übernehmen Sie.«

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Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)