Lektüren: Paul Jandl, »Die Phantasie leidet an Fieber«

Paul Jandl warnt vor einer Überinterpretation der Geschehnisse während der Pandemie
Icon Lektüren

Diesen Artikel teilen auf:

Share on facebook
Share on twitter
»Gegen solche Fieberphantasien helfen in diesen Wochen die Mediziner: Das Virus ist ein Virus. Es ist eine biochemische Entität«, sagt Paul Jandl in der NZZ vom 9. April 2020.

Ein Computer, der in einem Unternehmen für künstliche Intelligenz im kalifornischen Berkeley steht, hat herausgefunden, dass die Metapher der Corona-Krise – banalerweise – das Tor sei. Durch die Öffnungen des Körpers dringt das Virus ein. Eingangspforten in Kontinente und Länder werden versperrt. Allenthalben stehen wir in der Quarantänezeit vor geschlossenen Wohnungs- und Ladentüren. Und erst in der Zukunft werden sich diese Tore wieder öffnen, zumindest jene, die wieder öffnen sollen. Jandl stellt fest, dass Krisen Kraftwerke der Phantasie sind. Überall werden wie wild Bilder produziert, Orakel prophezeit, Kriegsgeheul angestimmt, religiöse Phantasien propagiert, und somit breiten sich zwangsläufig Metaphern pandemisch aus. Wir leben »in einer Entropie der Bilder…, die sich anfühlen kann wie das blanke Nichts.« Vielleicht erst nach Covid-19 finden sich die richtigen Beschreibungen. Metaphern reduzieren die Undurchsichtigkeit der Situation auf eine erträgliche Formel und sie zeigen uns den Horizont an, unter dem wir handlungsfähig bleiben können. Eine Berufsgattung blüht zurzeit besonders auf: Die Virologen haben als Krisenhermeneutiker dieser Pandemie die Deutungshoheit übernommen.

Der menschliche Körper ist nicht nur eine »ausgereifte biochemische Erscheinungsform, sondern auch die Metapher schlechthin«. Als Bild für komplexe soziale Organisationsformen hat er eine lange philosophische und soziologische Tradition, von Plato bis Luhmann. In der Literatur wird beschrieben, wie die Krankheit vom Körper auf die Psyche übergreift. Diese heimtückische Überrumpelung verändert das Zusammenleben. Albert Camus etwa führt in Die Pest das Medizinische und das Soziale ins Absurde, gleichbedeutend mit ins große Nichts. Darin erfahre der Mensch die eigene Vergänglichkeit. Die Kunst kann Fülle und Tod nebeneinanderstellen und damit auf die Vanitas hinweisen. Jetzt macht der Einzelne aber noch eine weitere soziale Erfahrung, die ihn ins Grübeln bringt: die Menschen rücken aus medizinischen Gründen auseinander. Das kann auch so gedeutet werden: »Der Mensch kann sich selbst zu viel werden.«

Auf überindividueller Ebene sieht Jandl im 1982 erschienen Film Koyaanisqatsi von Godfrey Reggio ein bildhaftes Beispiel, wie der Mensch die Welt, auch die natürliche, durch Technisierung beschleunigt und verändert hat. Reggio zeichnet diese Welt als Organismus: Highways sind Blutbahnen, beleuchtete Wolkenkratzer sind Zellstrukturen etc. »Der Film zeigt eine bis zur Raserei beschleunigte Welt«, aber auch – nach einer atomaren Katastrophe – deren Entschleunigung, in der »das Tempo eines Urzustands und den Stillstand« erreicht wird. Und da wären wir beim jetzigen globalen Lockdown. Obwohl dieser eigentlich völlig unmetaphorisch erlebt wird, ist der Stillstand zur Metapher geworden. Im ihm erkennen wir die Gebrechlichkeit der menschlichen Gesellschaft und der Ökonomie. Für Apokalyptiker (Jörg Scheller, Lob auf die Apokalypse) und andere Apologeten ist die Corona-Krise eine wunderbare Zeit. Eine Menschheitsallegorie. »Gegen solche Fieberphantasien helfen in diesen Wochen die Mediziner: Das Virus ist ein Virus. Es ist eine biochemische Entität.«

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

© 2021 textvitrine. All rights reserved.

Virus

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)