Lektüren: Manfred Schneider, »Die Neujustierung von Nähe und Kontakt«

Der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider stellt fest, dass sich die Abstandsregeln in der Gesellschaft wegen Corona dabei sind, sich neu zu ordnen.
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Manfred Schneider plädiert in der NZZ vom 12. November 2020 für die Einhaltung von Distanzregeln, um der allgemeinen Tendenz zur »Abstandsverringerung und Breiwerdung der Gesellschaft« zu begegnen.

Schneider beginnt mit einer Anekdote, die Paul Watzlawick in den 1990er-Jahren zum Besten gab. In einem Reitklub in São Paulo kam es vermehrt zu mysteriösen Unfällen: Zahlreiche Gäste aus Nordamerika fielen von der Brüstung einer Terrasse in die Tiefe. Der Grund waren die unterschiedlichen Gewohnheiten zwischen den Einheimischen und den Nordamerikanern bei der Wahrung der Distanz im Smalltalk. Die Gäste hielten sich an eine Armlänge, die Brasilianer an weniger. So wichen die Nordamerikaner stets zurück, wenn ihnen die Südamerikaner zu nahekamen – bis sie dann rücklings über die Brüstung stürzten. Die Unfallserie konnte erst behoben werden, als die Brüstung erhöht wurde.

In Coronazeiten beträgt der Abstand nun mindestens zwei Armlängen, die zwei Menschen, kommen sie nicht aus dem gleichen Haushalt, einhalten sollten. Nach ersten Unsicherheiten und Irritationen, wie man nun zu viel oder zu wenig Abstand, die jemand einhält beziehungsweise nicht einhält, interpretieren soll, scheint man sich an die Situation gewöhnt zu haben. Die Frage stellt sich, ob die zunehmende Distanz nicht auch positive Aspekte mit sich bringt? Elias Canetti schreibt in »Masse und Macht«, dass wir ohnehin Berührungen mit uns fremden Menschen instinktiv meiden. Für unbeabsichtigte Körperkontakte entschuldigen wir uns in der Regel. Diese Scheu oder Berührungsfurcht verschwindet, wenn sich der Mensch in einer Masse aufhält. Plötzlich wird der direkte Kontakt schon fast gesucht. Nicht allerdings in einem zufälligen Gedränge, sondern an Kundgebungen, in denen Gefühle hervorgerufen oder politischer Aufruhr veranstaltet werden. In der Masse werden »viele innere Regularien der bewussten Person« außer Kraft gesetzt. Man lässt sich treiben, man singt, johlt, grölt (Aerosole), bisweilen zerstört und tötet man auch. In der Masse finden sich die vielen verschiedenen individuellen Ichs zu einem kollektiven Ich zusammen. Dabei verliert der Einzelne nicht nur die Berührungsfurcht, sondern auch das Gewissen, die Vernunft, die Verantwortung und der Anstand. Er fühlt sich zudem moralisch entlastet. »Eine Masse denkt nicht, in ihrer kollektiven Erregung glaubt sie alles, jedes Gerücht, jede Parole, jede Torheit, die sie in Bewegung hält.« Es ist wie in der Liebe: Körpernähe ist angenehm, aber nicht zwingend erkenntisfördernd.

Das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit ist in einem gewissen Sinne auch ein Recht auf das Aufgehen eines eigentlich vernünftigen Bürgers in einer zornigen, gewaltbereiten, distanzlosen Masse. Deshalb lieben Populisten und Tyrannen die Massenkundgebungen. Das Denken wird ausgeschaltet. Schneider folgert daraus, dass es eine Wohltat ist, wenn die Menschen den vom Virus vorgegebenen Abstand wieder einhalten. Dann wird wieder mehr gedacht und einsam muss man deswegen ja nicht werden. Und manchmal wäre es auch hilfreich, wenn zwischen Denken und Sprechen die Dauer etwas verlängert werden würde. Mehr Abstand zu wahren, bedeutet auch, sich mehr Zeit zu geben, die Wege werden länger.

Nicht zuletzt ist das Abstandhalten eine wichtige Errungenschaft des zivilisatorischen Prozesses. Das Individuum bewegt sich nämlich »im zivilen Regulierungsraum der Sprache, der Kultur und der Freiheit«. Dieser Raum soll auch geschützt werden.

Auch das Kleinkind muss lernen, sich von seiner Mutter zu trennen, erst diese Distanzierung erlaubt es ihm, autonom zu werden, eine Persönlichkeit zu entwickeln, ja überhaupt sprechen zu lernen. Sprechen und Denken hängen zusammen. Das Schreien in der Masse treibt das Subjekt zurück in die symbiotische Beziehung der infantilen Entwicklungsphase. Wenig überraschend, dass heutzutage Coronaskeptiker die Masse suchen, damit sie ihre Maske vom Gesicht reißen, die Abstandsregeln missachten und mit ihren Gleichgesinnten lauthals demonstrieren können.

Bei aller Wichtigkeit von Kontakten und Berührungen, so ist gleichzeitig das trennende Element fundamental für das Funktionieren einer Gesellschaft. Angefangen mit der Gewaltenteilung. Welcher Machthaber auch immer an dieser Trennung herumschraubt, meist will er damit autokratische Bedürfnisse befriedigen. Er will das Volk und der Staat zu einem »großen Machtbrei einrühren«. Ein Dorn im Auge ist ihnen auch Wissenschaft und Erkenntnis, denn die gründen auf Abstand und Unterscheidung. Schneider plädiert für die Einhaltung von Distanzregeln, um der allgemeinen Tendenz zur »Abstandsverringerung und Breiwerdung der Gesellschaft« zu begegnen.

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Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)