Lektüren: Jörg Scheller, »Lob auf die Apokalypse«

In der Corona-Krise stehen wir nicht vor einer Apokalypse, schreibt Jörg Scheller
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Die Verwendung des Begriffs der Apokalypse im aktuellen Zusammenhang verkenne die »konstruktive kulturelle Funktion der Apokalyptik«, meint Jörg Scheller in der NZZ vom 7. April 2020.

Die Apokalypse habe einen schlechten Ruf, zu Unrecht, bedauert Jörg Scheller, Professor für Kunstgeschichte an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) und Hardrocker, in der NZZ.

Als Schwarzmaler oder eben Apokalyptiker werden fast alle bezeichnet, die in Vorkommnissen wie etwa der Klimaerwärmung, die Finanzkrisen und der Künstlichen Intelligenz oder wie die Coronawarner das Ende der Welt verkünden. Aber gerade beim Covid-19-Kampf sei das Wort Apokaklypse ein Fehlgriff. Die Verwendung im aktuellen Zusammenhang verkenne die »konstruktive kulturelle Funktion der Apokalyptik.«An einem  konkreten Beispiel im 19. Jahrhundert im schwäbischen Korntal zeigt Scheller, dass die Verkündung des Weltuntergangs die Schaffenskraft der Bevölkerung beflügelt habe – und die Apokalypse abgewendet werden konnte. Auch die Klimajugend hoffe auf einen glimpflichen Ausgang des Geschehens, nämlich dass nicht mit monetären, sondern mit dem Abbau von ökologischen Schulden das Ende vermieden werden könnte. Es gilt, »mit einem möglichst vorteilhaften Vorstrafenregister vor das Jüngste Gericht zu treten – oder insgeheim zu hoffen, dass das Gericht aufgrund gelebter Tugendhaftigkeit doch nicht tagen werde.« Es gab schon immer sakrale und säkulare Apokalyptiken – in der Regel vermischten sie sich –, die neue Entwicklungen technischer und kultureller Art und Solidaritätsschübe ausgelöst haben.

Aber man kennt es auch auf persönlicher Ebene: Eine Deadline, die immer näher rücke, lasse zuweilen ungeahnte Kreativität entstehen. Johannes’ Offenbarung, »ein grandios verspultes Mash-up aus älteren apokalyptischen Texten«, habe in den verunsicherten Christen eine virtuelle Kraft geweckt, die dreihundert Jahre nach ihrer Entstehung unter anderem dazu führte, dass das Christentum zur römischen Staatsreligion erklärt worden sei. Beim Coronavirus liege die Sache grundsätzlich anders: »Die Apokalypse ist etwas Fernes, das sich nah anfühlt. Das Virus als etwas Nahes, das sich fern anfühlt.« Zwar würden auch durch die gegenwärtige Pandemie Neuerungen angestossen, aber die Gefahr des Untergangs der Menschheit steht nicht zur Debatte. Es gilt, eine Krankheit in den Griff zu bekommen, eine neue Welt wird dabei nicht entstehen. Mit den Lockdown- und Homeoffice-Maßnahmen wird alles andere als Betriebsamkeit gefördert, sondern das Gegenteil erwirkt: Teilstillstand und geographische Statik. Und die ausgelöste psychische Unruhe und der Stress ist nicht vergleichbar mit dem »erhabenen Schauer«, den die Apokalypse hervorruft. Es wird gar der Blick aufs Große verstellt, weil der tägliche Kleinkrieg um WC-Rollen und Spaghetti davon ablenkt, was die Krise für die Gesellschaft und für die Demokratie bedeuten und wie man sich etwa gegen autoritäre und technokratische Versuchungen wehren könnte (Notstands-Staat).

Das Bangen und die Sorge um liebgewonnene kleine Gewohnheiten wie Party feiern, sei »zutiefst antiapokalyptisch, gefangen im Biedermeier der Gegenwart« (Wir werden alle Chinesen). Das Virus dämmt unsere Vorstellungskraft ein, das Gegenteil davon wäre Stimulation und Öffnung der Sinne. Die Offenbarung prophezeit eine Erlösung und die Rückkehr ins Paradies, ihr Blick ist auf die Zukunft gerichtet. Das Virus hingegen hält uns in den Sachzwängen der Gegenwart gefangen. Die Doppelnatur der Apokalyptik lasse sich am Beispiel des Heavy Metal zeigen. Einerseits stehen die fatalistischen Endzeitphantasien, andererseits die wilde, »kognitiv anspruchsvolle« und kreative Kraft des Spielens und Komponierens. Eine Welt ohne die Apokalypse und deren Beschwörer wäre eine eintönige und arme Welt. Scheller zitiert den Heavy-Metaliker Mille Petrozza: »At the end of religion / My spirit will not die / I will only see clearer / No longer haunted by these times / I’ll be stronger than ever / No temptation to resist / So come on, take my hand now / Let’s celebrate the apocalypse.«

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Virus

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)