Lektüren: Jörg Scheller, »It’s the Autonomy, Stupid!«

Autonomie der Kunst war gestern, oder doch nicht?, fragt der Kunsthistoriker (an der ZHDK), Bodybuilder und Hardrocker Jörg Scheller
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»Ein Spiegel, der auf dem zu spiegelnden Objekt liegt, bleibt für uns dunkel«, sagt Jörg Scheller in der NZZ vom 14. September 2020.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstand sich die Kunst als autonom, frei und unabhängig. In der Gegenwart hat sie sich in die Gesellschaft eingenistet und ist gewissermaßen zur »Embedded Art« geworden, die Außenperspektive wurde aufgegeben. Die Kunst drängt sich in nichtkünstlerische Bereiche oder gar ins Leben und heftet sich zuweilen Etiketten an, auf denen auf den forschenden oder therapeutischen oder politischen oder kreativen Charakter der Kunst hingedeutet wird, oder sie geht an Orte, die traditionellerweise nicht zu Ausstellungstätten gehören.

Die Rede von der Autonomie der Kunst kam jedoch einem Mythos gleich. Aber Mythen erlaubten Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe, Sinn einen Zugang zur Kunst. Drei Beispiele der so verstandenen Kunstautonomie seien genannt: Erstens das L’art pour l’art eines Oscar Wilde oder Charles Baudelaire, die die »Ästhetik über Moral und Ethik« stellte. Zweitens die Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts, die die Kunst vom Sozialen und Materiellen befreien wollte, Kasimir Malewitschs »Schwarzes Vierecke auf weißem Grund« steht dafür. Und drittens propagierte Theodor W. Adorno die Kunst als das »Nicht-Identische«. Demnach darf Kunst niemals im Zeichen eines totalitären Systems stehen, auch nicht in dem des Kapitalismus. Sozial und politisch engagierte Kunst akzeptierte Adorno jedoch. Scheller würde gerne dem Autonomie-Mythos neues Leben einhauchen. Das wird aber ein schwieriges Unterfangen, der Trend geht gegenwärtig in die andere Richtung.

Heute droht der Kunst, dass sie für politische Ziele zweckentfremdet wird. Mit Kunst soll die Welt besser gemacht werden. Ihr wohnt ein pädagogischer und didaktischer Impetus inne. Mehrheitlich linksgerichtete Aktivisten sehen in der Kunst ein nützliches Instrument für das Erreichen dieser Ziele. Wer sich nicht einreiht, wird als Formalist oder Dekadentling abgekanzelt. Die politische Rechte kritisiert geschickt diese Annexion und plädiert für Autonomie. Aber für welche Kunst genau? Und die Liberalen müssen sich hüten davor, die Kunst in einen Innovationspark zu verwandeln. Aber, so Scheller, »nicht die Kunst muss heute vor Wirtschaft geschützt werden. Man muss die Wirtschaft vor der Kunst schützen.« Die Integration des Adornoschen Nicht-Identischen in den postindustriellen Kapitalismus muss scheitern. Von einer in der Marktwirtschaft »embedded Art« profitiert sie langfristig eher nicht, sie ist inkommensurabel. Diese Sichtweise verheddert sich in einen Widerspruch: »Inspiration erhalten wir von etwas, das nicht wir sind… Das heutige Paradox im Umgang mit der Kunst besteht darin, einerseits auf latent romantische Weise das ganz ‘Andere’ von ihr zu erwarten, und andererseits dieses ‘Andere’ zugleich als dienlichen Teil des ‘Eigenen’ zu denken.« Dieser Anspruch kann nicht erfüllt werden, es brauchte dialektische Denkvorgänge im Stile Hegels, für die jedoch die Marktwirtschaft nicht geschaffen ist (dort hieße dies vielleicht Disruption). Wer sich als Künstler auf den Ruf nach Querdenkern meldet, entpuppt sich als »Längsdenker«. »Kritik, die auf Kundenwunsch erschallt, ist nichts als ein Pizza-Lieferservice, nur ohne Pizza.« Hätte beispielsweise die Stadt Zürich Anfang des letzten Jahrhunderts die Dadaisten aktiv umworben und sie an die Limmat gelotst, hätte das nicht geklappt. Heute wirbt die Stadt mit ihnen.

Auch für die Politik ist der Autonomie-Mythos bedeutend. Eine Demokratie muss sich permanent und grundlegend selbst hinterfragen. Wer eine Kunst schafft, die keiner gängigen Ideologie oder nicht unbedingt einer bestimmten künstlerischen Tradition gehorcht, kann einen Diskussionsbeitrag leisten, der wirklich neu ist und eine »politische Meinungsbildung« erlaubt.

Die offenen Gesellschaften müssen Möglichkeiten schaffen, dass diese Beiträge entstehen können. Insofern braucht es die Politik, die diese Räume bereitstellt. Was dort passiert, ist nicht vorhersehbar und entspricht auch nicht einem Spiegelbild der Gesellschaft. »Ein Spiegel, der auf dem zu spiegelnden Objekt liegt, bleibt für uns dunkel.«

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Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)