Lektüren: Eva Illouz, »Acht Lehren aus der Pandemie«

Eva Illouz schreibt in der Zeit vom 18. Juni 2020 darüber, was wir aus der Zeit der Pandemie mitnehmen sollen
Eva Illouz schließt mit dem Fazit, dass nur der Staat, der das Gemeinwohl verteidigt, in der Lage sein wird, die künftigen Krisen und Katastrophen zu bewältigen. Diese Bewältigung muss zudem international breit abgestützt werden.

Hannah Arendt wollte nicht mit den Denkkategorien aus der Vergangenheit »das Neue« fassen, der Verstand irrt in Zeiten der Krise durch die Dunkelheit, schrieb einst Alexis de Tocqueville. Die Begriffe, die dereinst die Corona-Pandemie analysieren können, müssen vielleicht erst noch gefunden werden. Gleichwohl wagt die israelische Soziologin Eva Illouz, ein paar erste Erkenntnisse zu äußern.

1. Der mächtige Staat: Zum ersten Mal in der Geschichte verfügt der Staat, obwohl ihm das nötige und zentrale Wissen dafür fehlt, dass die Menschen zuhause bleiben sollten. Dieser Eingriff in die Bewegungsfreiheit ist einschneidend. Die Menschen dürfen nicht, wie beispielsweise im Kriegsfall, wegen der öffentlichen Sicherheit nicht mehr auf die Straße, sondern wegen der Gefährdung seiner Gesundheit. »Vielleicht aufgrund sich wandelnder Gesundheitsnormen und der steigenden Lebenserwartung sowie der Medikalisierung der Gesellschaft« haben Regierung in seltener Einmütigkeit auf der ganzen Welt diesen drastischen Schritt beschlossen. Die Homogenität dieser Maßnahme ist einmalig.

2. Der von den Neoliberalen verkündete ineffiziente Staat erlebt eine Renaissance. Nichtökonomische Aspekte gewinnen an Gewicht. Es gibt zwei Gegenbewegungen hierzu: auf der rechten Seite eine Verweigerungsbewegung gegen die staatlichen Verordnungen mit dem Argument der Gefährdung der Freiheit und dem Pochen darauf, sich dem Staat auch widersetzen zu dürfen (in den USA mit dem Bezug auf den ersten Verfassungszusatz). Die eher (aber nicht nur) linke Seite will, dass die Politik eine Politik des Schutzes der Lebensbedingungen sein soll. Sie plädiert für eine Rückkehr des Staates, der die katastrophalen Umweltbedingungen (Klimaerwärmung) wieder unter Kontrolle bringt, Wissenschaft fördert und Investitionen so lenkt, dass das Überleben des Menschen gesichert wird. Quasi eine Ausweitung des Wohlfahrtstaates auf die natürliche Umgebung. Auch die internationale Koordination, die wegen der globalen Dimension des Problems vonnöten ist, soll intensiviert werden. Der Staat soll nicht nur ein Krisenmanagement betreiben.

3. Apropos Krisenmanagement: Alle Staaten versuchen, der Krise Herr zu werden. Die getroffenen Maßnahmen ähneln sich weltweit. Aber die politischen Implikationen differieren gewaltig. Es gibt Regime, die nützen die Situation aus, um weitergehende Einschränkungen zu implementieren, die nicht zwingend mit der Pandemie begründet werden können. Polen, die Türkei, Ungarn, China und Ägypten etwa setzen kurzerhand unter dem Deckmantel der Pandemie bürgerliche Freiheiten außer Kraft (totalitäre Staaten), beurlauben Parlamente und schalten Gerichtshöfe aus. Die USA schlingert in Unruhen, in denen sich auf fatale Weise eine verfehlte Pandemiepolitik mit gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen und Rassenpolitik vermischen. Andere Länder wir Deutschland, Schweden (Schwedenmodell) und die Schweiz setzen auf das »soziale Vertrauen und die Disziplin ihrer Bürger«. Das eigentlich biologische Virus bekommt also politische Dimensionen. In der Ausgestaltung der Politik gibt es große Unterschiede. Dies legt offen, wie in den verschiedenen Gesellschaften die Sicherheitssysteme, der Wohlfahrtsstaat und die Politik funktionieren.

4. Der Neoliberalismus geht lieber lukrativen Geschäften nach. Dies hatte zur Folge, dass die Ausgaben für das Gesundheitswesen und die Prävention für neoliberal orientierte Regierungen als lästige und hinderliche Investitionen betrachtet werden. US-Präsident Trump etwa hat jene Arbeitsgruppe, die sich mit dem Umgang mit Epidemien befasst, abgeschafft. Aber eigentlich erwarten die Bürger, dass der Staat sich um die Gesundheitspolitik kümmern soll. Hier öffnet sich ein Graben zwischen Erwartungen und Realitäten, der nicht so schnell wieder zuzuschütten ist.

5. Viele, zu viele Länder waren schlecht auf die Pandemie vorbereitet. Die Globalisierung hat zur Folge, dass China zum zentralen Lieferanten medizinischer Güter und Medikamente geworden ist. Fällt dieses Glied in der Kette aus, wirkt sich das auf die ganze Welt aus. Hier gilt es, Gegensteuer zu geben, auch wenn dies ökonomisch mit höheren Kosten verbunden ist. Zudem schaffen es zahlreiche Staatschefs nicht, das Vertrauen der Bürger zu gewinnen, und treffen politisch verheerende Entscheidungen: Netanjahu schließt die Gerichte, um sich dem Gesetz zu entziehen; Trump fordert seine Anhänger dazu auf, die Entscheidungen der Bundesstaaten zu missachten; Bolsonaro nimmt an Anti-Lockdown-Demonstrationen teil. In Frankreich werden Beamte wegen Missmanagement verklagt. In vielen Ländern ist das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern arg zerrüttet. Zu befürchten ist, dass extremistische Positionen Zulauf finden.

6. Üblicherweise nähren wir unser Selbstwertgefühl und unser soziales Wesen in unserem Freundeskreis, in Arbeitsbeziehungen, im Spiel, in der Freizeit und der Kultur. In der Pandemie waren wir auf uns selbst und unsere nächste Verwandtschaft, auf die sozialen Medien, Fernsehen und auf Lieferdienste wie Amazon, eat.com und zalando zurückgeworfen. Das haben nicht alle gleich gut gemeistert. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass nicht nur die Freizeit, sondern auch die Arbeit komplett privatisiert werden kann. Wir brauchen einander nicht zwingend, es geht auch entpersonalisiert und algorithmisiert. Die wüstesten Befürchtungen von Adorno, Horkheimer und Arendt scheinen eingetroffen zu sein: die fragmentierte Gesellschaft, das vereinzelte Individuum.

7. Das hohle Geschwätz der Systemrelevanz bekommen nun all jene zu spüren, die dafür verantwortlich sind, dass das Leben in unserer Gesellschaft weitergegangen ist: das Personal im Gesundheitswesen und in den Lebensmittelgeschäften, Postboten, Stromlieferanten etc. Wenn sie jetzt nun mit Forderungen auftreten, werden sie von der Mehrheit ignoriert. Dabei überleben wir nicht wegen Hedgefonds-Managern und Talkshow-Promis.

8. Die Unterschiede zwischen Säkularen und Religiösen kam selten so offen zum Ausdruck. Die Religiösen zeigen wenig Respekt vor den Erkenntnissen der Wissenschaft und fordern die schnelle Wiedereröffnung der Gotteshäuser. Die Säkularen hören besser auf die Wissenschaftler und beweisen allgemein einen höheren Gemeinsinn. »Wir haben nun allerdings ein Echtzeit-Experiment miterlebt, bei dem sich der Bürgersinn der säkularen Öffentlichkeit in ihrer Disziplin und in den Netzwerken von Freiwilligen zeigte, die sie über Nacht knüpfte. Das muss ein Meilenstein im Selbstbewusstsein und in der Identität säkularer Menschen bleiben.«

Illouz schließt mit dem Fazit, dass nur der Staat, der das Gemeinwohl verteidigt, in der Lage sein wird, die künftigen Krisen und Katastrophen zu bewältigen. Diese Bewältigung muss zudem international breit abgestützt werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

© 2021 textvitrine. All rights reserved.

Virus

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)