Lektüren: Bernhard Pörksen, »Meinen und Behaupten in unserer Zeit«

Das Wissen muss sich mit dem Nichtwissen arrangieren, meint Bernhard Pörksen in der NZZ vom 12. August 2020
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»Unter Coronabedingungen stehen das Verhältnis und die Beziehung von geistes- und kulturwissenschaftlicher Theoriebildung und Lebenswirklichkeit neu auf dem Prüfstand, auch weil wir vieles, was dieses Virus, seine Verbreitung und Bekämpfung ausmachen, noch gar nicht wissen können.«

Dem Taxifahrer Brian Lee Hitchens, ein frommer Christ und dankbarer Konsument von Verschwörungstheorien, betete morgens, bevor er ohne Maske einkaufen ging, und beförderte nachher seine Kunden. Dann erwischte seine asthmakranke Frau das Coronavirus, sie rang wochenlang um ihr Leben. Hitchens wurde es gewahr, dass das Virus kein Fake ist und der Coronahype nicht blosse Hysterie. Auf Facebook begann er über seinen Sinneswandel zu berichten. Dieser Realitätsschock, den Hitchens erlitt, zeigt, »dass das, was man die Realität nennt, unter Normalbedingungen eine ziemlich elastische Matrix darstellt, die für alle möglichen Behauptungen und allerlei Blödsinn offen ist.« Nichts vom vermeintlich unerschütterlichen Glauben, wie beispielsweise, dass das Beten gegen Corona hilft, aber auch von den Befürchtungen, beispielsweise dass wir uns in Richtung Gesundheitsdiktatur bewegen, wird wirklich. Wirklich wird aber, dass man sein Leben riskiert, wenn man an falschen Theorien festhält. Die Realität wird dann zur »strengen, deutlich engmaschiger geknüpften Martix«, die beharrlich und brutal reagieren kann. Dies bedeutet, dass die »Weltviruskrise geeignet ist, Wissenshierarchien zugunsten eines empirisch fundierten Pragmatismus und des kritischen Rationalismus zu arrangieren.«

Welterklärern mit abstrusen Vorstellungen über das Funktionieren der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medizin bläst ein strenger Wind entgegen. So liegt etwa Giorgio Agamben mit seiner anfänglichen Diagnose, die Pandemie sei frei erfunden und die Krankheit sei eine leichte Grippe, ziemlich falsch. Seine Analyse, dass es im Ausnahmezustand, den er schon lange vor der Coronakrise ausgerufen hat, nur mehr um das nackte Leben gehe und wir damit in einem Gefängnis ohne Hoffnung lebten, erweist sich als fragwürdig. Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy hält Agamben vor, dass die Corona-Pandemie nicht zu einer Grippewelle verniedlicht werden könne. Er, Nancy, habe vor 30 Jahren Agambens Rat, sich keiner Herzoperation unterziehen zu lassen, nicht befolgt. Nancy hat anders entschieden. Dank des Eingriffs hat er überlebt. Hätte er sich nicht operieren lassen und wäre er deshalb gestorben, wäre dies eine Art finale Falsifikation von Agambens Rat gewesen. Diesem für ihn letalen Ausgang wollte er nicht folgen, obwohl er seinem Freund damit bewiesen hätte, dass dieser falsch gelegen hätte. Dieser Falsifikationsmechanismus ist jetzt weltweit in Kraft getreten.

In der gegenwärtigen Pandemie kommt es, wie bei Hitchens, unweigerlich zu Empiriekontakten, auf die man lieber verzichtet hätte. Und plötzlich fallen Überzeugungsgebäude krachend ein. Und man sehnt sich unversehens nach wissenschaftlichem Wissen. Denn man wird sich gewahr, dass man zweifelhafte Aussagen, die von verschiedenen Leuten geäußert werden, überprüft werden können. Und siehe da, das Meinen und das Behaupten tritt ins grelle Scheinwerferlicht und nichts kann mehr vertuscht und verheimlicht und im Dunkeln belassen werden. Das aufgeklärte Publikum bekommt Mittel und Argumente in die Hand, um die Gurus im Deutungsbusiness zu entlarven. Bald wird klar, wer Unsinn verbreitet. Dieser Unsinn kommt meist in einer »rauschhaften Kulturkritik« daher, die nichts anderes als Ideologie ist. Die Empirie feiert also ein Comeback. Sie ist verantwortlich, dass wir einen Realitätsschock erleiden können. Was bedeutet dieser Schock für die (meist empirielosen) Kulturwissenschaften? Wie gehen sie mit dieser Erschütterung um? »Kurzum: Unter Coronabedingungen stehen das Verhältnis und die Beziehung von geistes- und kulturwissenschaftlicher Theoriebildung und Lebenswirklichkeit neu auf dem Prüfstand, auch weil wir vieles, was dieses Virus, seine Verbreitung und Bekämpfung ausmachen, noch gar nicht wissen können.« Das Wissen muss sich mit dem Nichtwissen arrangieren. Und die Negation von Realität ist weder für einen Taxifahrer in Florida noch für Philosophen angezeigt. Und Realität sei, Pörksen zitiert den Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, »das, was nicht weggeht, auch wenn man nicht daran glaubt«.

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Virus

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)