Die gegenwärtigen Protestkundgebungen wie #Me Too, Black Lives Matter oder Frydays for Future zeichnen sich, neben den berechtigt formulierten Anliegen, auch durch den Einsatz von »sentimentalen Phrasen und betroffenheitsschwangeren Wortblasen« aus. Dabei wird dieser – wie Grau es nennt – politische Kitsch zu einer Waffe, Gegenpositionen werden als unmenschlich und unverantwortlich zur Seite geschoben. Wohlgemerkt gehört der Appell an die Gefühle zum politischen Alltag. Eine Reduktion in der Argumentation auf kühle Rationalität und Sachlichkeit ist in der Regel keinen Erfolg beschieden. Kopf und Bauch der politisch Interessierten und der Wähler müssen angesprochen werden. An Bilder mit Politikern mit einem Kleinkind auf dem Arm haltend oder ein Kalb tätschelnd haben wir uns gewöhnt. Insofern funktioniert politische Werbung wie die kommerzielle. Die Gefahr besteht jedoch darin, dass kitschige Aussagen selbst nicht nur als Posen daherkommen, sondern zum wesentlichen Inhalt wird, das heißt, das Denken an sich droht zu verkitschen. Kitsch ist jedoch immer auch eine Reduktion von Realität. So ist zu befürchten, dass das politische Denken der »komplexen, vielschichtigen und mehrdeutigen Realität« nicht mehr gerecht wird, es verweigert sich ihr. Und so werden zuweilen Utopien als Lösungsvorschläge formuliert, die nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben.
Eine kitschige Welt zeichnet sich durch Friedfertigkeit und Harmonie aus. Der zivilisierte Mensch ist aber mitnichten immer harmonisch und friedfertig, er ist manchmal auch gierig, ungerecht, streitfreudig, brutal, abwertend, und daraus kann Egoismus, Ungleichheit, Ausbeutung der Natur, Gewalt, Sexismus etc. hervorgehen. Der Weg jedoch in die heile Vor-Zivilisation kann nicht die Lösung sein. Rationales Denken und Handeln, die die Basis der politischen Prozesse darstellen müssten, sind komplex und vielgestaltig oder, um es etwas salopp zu formulieren, keine Kuschelveranstaltung. Die Welt ist kein Hort »des Friedens und der Achtsamkeit, der Gleichheit und der Harmonie«.
Das kitschige Denken tut sich auch schwer mit Ambivalenz oder Dissonanz, denn Eindeutigkeit und Klarheit bestimmen das Urteil (Vgl. zum Kitsch bei Philipp Tingler). Auch mit der Dialektik dürfte das kitschige Denken vermutlich große Mühe bekunden. Diese Einseitigkeit kann zu rigiden Gesinnungen führen, in der keine Widersprüche und Kompromisse geduldet werden. Gut und bös sind klar definiert, und dem Bösen geht man sicherlich keinen Schritt entgegen, ein Kompromiss wäre einem Verrat gleichzusetzen. Grau spricht hierbei von einer Gesinnungsethik. Eine dogmatische und strikte Haltung ist jedoch in einer antiautoritären, pluralistischen und zwanglosen Gesellschaft höchst unpopulär, einer Gesellschaft notabene, in der ein »emotionsgesteuerter« Selbstverwirklichungsdrang vorherrscht. Das sind sich die Kitschvertreter sehr wohl bewusst, also finden sie »moralische Kitschphrasen«, die zwar völlig Wirklichkeits-fremd sind, aber sympathisch daherkommen und von allen bedenkenlos in den Mund genommen werden können, ohne rot werden zu müssen. Jeder ist doch für Frieden und Toleranz und will Rücksicht auf den Mitmenschen und die Natur nehmen. Eine solcherart gewickelte Moral wird, wie Nachbildungen von Michelangelos David in den Souvenirshops, zu einem Massengut. Aber eben: Frieden, Toleranz oder Rücksicht auf Mensch und Natur zu erlangen ist etwas komplizierter und setzt voraus, dass man sich mit widersprüchlichen Bedürfnissen, Tatsachen, Meinungen, Moral und Ethiken auseinandersetzen muss. Das zu überlegen erfordern aber gewisse Anstrengungen oder eben Entgegenkommen.
Der allgemeine politische Entscheidungsfindungsprozess, die Parteipolitik und allgemein der demokratische Politikbetrieb basieren auf Praxis, Zweckrationalismus, Interaktion und Kompromiss. Da passt ein moralischer Kitsch, der sich zu einer moralischen Politik formiert, schlecht hinein. Die Positionen werden zu starr und zu erratisch. Demzufolge findet diese Politik vor allem außenparlamentarisch statt, gerne wird die Zivilgesellschaft als Ort dieser Politik genannt.
»Was einmal in Namen der Aufklärung als Befreiung des Individuums aus sozialen Zwängen begann, verkommt in der postindustriellen Emanzipationsgesellschaft zu Eskapismus, Narzissmus und Sentimentalität.« Der Einzelne wird angesichts des drohenden Zerfalls von Institutionen und Traditionen auf seine eigene Gefühlswelt zurückgeworfen. Aus ihr muss er seinen Lebenssinn selbst schaffen. Er neigt dazu, auf eine »unterkomplexe« Moral zurückzugreifen, um seine Orientierung zu finden (Vgl. hierzu Hannah Arendt). Daran hält er sich fest. Und er lässt sich nicht so schnell beirren und reagiert auf Störungen oder Einwände sehr gereizt. Intoleranz wird das Gebot der Stunde; Vielfalt, Pluralismus und alternative moralische Urteile werden zu Gefahren des Selbst.
Das verheißt nichts Gutes für die Gesellschaft. Es drohen Spaltung, Kommunikationslosigkeit und inquisitorische politische Rigidität und Korrektheit. »Die Dialektik der Aufklärung treibt die liberale Vernunft in ihr Gegenteil.« Ein »jakobinischer Tugendeifer« nimmt überhand. Da wären wir wieder bei der Dialektik angelangt.