Lektüren: Albrecht Koschorke, »Aus Berührung wird Rührung«

Albrecht Koschorke schreibt in der Zeit vom 18. Mai 2020 über die Rolle der medialen Veränderung im zivilisatorischen Prozess
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»Der Bedeutungsverlust nahräumlicher Bezüge wird dadurch bedingt und verstärkt, dass sich immer größere Anteile des sozialen Lebens in die Zweitwelt eines entkörperten Zeichenverkehrs auslagern lassen.«

Im Anschluss an den kleinen Essay über das Schweigen bei Norbert Elias ist der Artikel von Albrecht Koschorke in der Zeit interessant, beschreibt er doch die zivilisatorische Entwicklung aus einem anderen Blickwinkel wie Elias, nämlich nicht über innerpsychische Verschiebungen in Richtung Über-Ich-Kontrolle, sondern anhand medialer Veränderungen. Der Literaturwissenschaftler diagnostiziert eine zunehmende Entkörperung unserer Lebenswelten, die, jetzt in Coronazeiten besonders gut sichtbar, mit einer weiteren Verlagerung der Kommunikation auf Zeichensysteme verbunden ist. Hier wird vor allem auf den zweiten Teil des Artikels eingegangen.

Ab dem 18. Jahrhundert hat eine physische Distanzierung eingesetzt. Für den Austausch zwischen den Menschen habe sich die Bedeutung des physischen zugunsten eines entkörperlichten Kontaktes verlagert. Beispiel sei die Bedeutungsverschiebung des Wortes Sympathie. Wurde sie 1737 noch als »die gern beysammen sind, welche aus denen Ausdünstungen, die sich wohl vereinigen, entstehet« beschrieben, klang das in der Aufklärung schon nüchterner und dem Körperlichen entflochten. Sympathie spiele sich immer mehr im Spirituellem und Geistigen ab. Hierfür wurde die Sprache zu einem immer wichtigeren Element. Man konnte schriftlich seine Verbundenheit, seine Sympathie, seine Liebe kundtun, dass vormoderne Merkmal des face to face wurde etwas in den Hintergrund gedrängt, es konnte auch medial vermittelt kommuniziert werden. Immer breitere Kreise begannen zu lesen und zu schreiben. Das war mit einem Rückzug des Körpers verbunden, man brauchte nun sein Gegenüber nicht mehr zwingend, um sich mitzuteilen. Der Bekanntenkreis wurde immer größer und Fernbeziehungen immer häufiger, die Beziehungen aber auch abstrakter.

Es begann eine Vernetzung der Welt, die sich nicht mehr nur auf den Handel von Gütern reduzieren ließ. Diese Vergemeinschaftung durch Sprache und Schrift fand auf einer anderen Ebene statt, so Koschorke, so dass auch das Denken als Nation eine neue Dimension bekam. »Denn die Nation entsteht durch den Zusammenschluss von Individuen, die sich aus ihren sozialen Nahbeziehungen herauslösen lassen müssen, um sodann in ihrer abstrakten Eigenschaft als Menschen zu Bürgern des Staatswesens werden zu können.« Damit trennten sich aber auch die Gebildeten noch mehr von den Ungebildeten. Wichtig scheint Koschorke im Coronazeitalter die Veränderung der körperlichen Beziehung (Nähe und Kontakt) zu Mitmenschen (Berührungen) zu sein. Das sei eine Art Medienrevolution: »Der Bedeutungsverlust nahräumlicher Bezüge wird dadurch bedingt und verstärkt, dass sich immer größere Anteile des sozialen Lebens in die Zweitwelt eines entkörperten Zeichenverkehrs auslagern lassen.« Die Digitalisierung unterstützt diese Entwicklung. Das könne sich auch auf den Affekthaushalt des Menschen auswirken, der ebenfalls zunehmend entkörperlicht wird.

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Virus

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)