Laborthese oder Zoonose. Ein Update in fünf Teilen (2)

Teil 2: Christian Drostens Antwort
Als Mitglied der Expertengruppe, die Anthony Fauci in der Telefonkonferenz vom 1. Februar 2020 konsultierte, geriet auch Christian Drosten ins Visier von Roland Wiesendanger. Seine Replik aus einem Interview mit der SZ vom 9. Februar 2022.
Das Telefon bleibt stumm. (Bild: Tom Wesselmann, Still Life)
»Wenn er wirklich dachte, ich verfüge über Insiderwissen, das ihn mit seinen Ideen weiterbringt – warum hat er mich nicht einfach mal angerufen?« (Christian Drosten)

(Hier geht es zu den bisherigen Artikeln zur Laborthese in der Textvitrine sowie zu Teil 1 des Updates)

Warum Drosten

In den Textvitrine-Seiten wurde schon häufig der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité zitiert und seine Aussagen wurden hier breit referiert. Christian Drosten ist in Deutschland gewissermaßen zum Gesicht der Viren-Forschung geworden. Das ist einerseits ein Medienphänomen, andererseits gibt es auch inhaltliche Gründe. Als Naturwissenschafts-Laie, zu denen sich der hier Schreibende zählt, kann hier Drostens Fachwissen und dessen Adäquatheit nicht abschließend beurteilt werden. Gleichwohl spricht vieles dafür, Drostens Aussagen zu vertrauen. Hierfür sei eine wichtige Haltung des populären Virologen erwähnt: das allgemeine Verständnis von Wissenschaft. Drosten betont immer wieder überzeugend, dass seine Erkenntnisse immer nur vorübergehend gelten. Die Wissenschaft läuft prozesshaft. Es wird mit jenen Kenntnissen und Erkenntnissen argumentiert, die als plausibel und als vorläufig gesichert beurteilt werden. Irrtum gehört zu diesem Prozess. Es gibt keine letztgültige, unverrückbare Wahrheit. Seine Voten sind nicht apodiktisch, er argumentiert transparent und er räumt umunwunden ein, wenn ihm eine Fehleinschätzung unterlaufen ist. Er ist stets bereit, neue Elemente in seine Äußerungen einzubauen. Zwei kleine Beispiele, die diese Haltung widerspiegeln. Erstens: bei den Diskussionen um die Laborthese sagt er nicht, sie sei ein ärgerliches Hirngespinst. Er betont immer, man könne sie nicht ganz ausschließen. Aber aufgrund der Indizien, die ihm vorliegen, überzeugt sie ihn nicht. Zweitens: Zu Beginn der Pandemie sagte er, er glaube nicht, dass am WIV gefährliche Experimente durchgeführt werden (Und wieder grüßt die Laborthese). Unterdessen ist er nicht mehr so sicher. Von neuen Fakten, die neue Sichtweisen erfordern, und guten Argumenten lässt er sich überzeugen.

Ein anderer Aspekt, weshalb Drosten gehört wird: seine Sprache. Seine Haltung findet in seiner Sprache eine gleichwertige Ausdrucksform. Er kombiniert auf sehr originelle Art und Weise Wörter miteinander und erzeugt damit einen neuen Verständnisraum. Zwei kleine Beispiele: das informierte Bauchgefühl. Aufgrund eines bestimmten Wissens ahnt er etwas – eine Entwicklung, eine bestimmte Eigenschaft oder was auch immer –, aber das ist noch nicht belegt. Also bleibt er vorsichtig, weiß aber, in welche Richtung er weiterforschen will. Oder: die Vorsichtsüberlegung. Da eventuell noch nicht alle Aspekte über – beispielsweise – eine neue Virusvariante bekannt sind, da man jedoch aus der Vergangenheit weiß, dass – beispielsweise – die Übertragung leichter geschieht, sollte bei der Erwägung, ob Maßnahmen angepasst werden müssen, immer auch der ungünstigste Fall bedacht werden.

Und dann wären noch die zahllosen Vergleiche zu erwähnen, mit denen Drosten einen komplizierten Sachverhalt einprägsam zu beschreiben versucht. Hinsichtlich der Laborthese sei sein Vergleich zwischen der neuen Stereoanlage im Auto und dem Einfügen eines neues Genbestandteils in ein Virus erwähnt: bei einem Test, wie eine neue Stereoanlage in einem Auto klingt, wird ja nicht gleich auch noch ein neues Auto darum herum gebaut. Beim Einfügen eines Genbestandteils, dessen Wirkung man untersuchen will, muss ja ebenfalls nicht das ganze Virus (beziehungsweise der sogenannte Backbone) komplett neu zusammengesetzt werden. In beiden Fällen ist das ein ökonomischer Unsinn.

Drostens Entgegnung

Christian Drosten hält Wiesendangers Vorwürfe für haltlos. Gleichzeitig seien seine Spekulationen ja nicht neu, es gäbe schon zahlreiche Bücher dazu. Für seine Anschuldigungen bezüglich der Telefonkonferenz legt Wiesendanger keine Belege vor. Drosten hält den natürlichen Ursprung des Virus für wahrscheinlicher. Vermutlich habe sich das Virus auf einem Zwischenwirt so verändert, dass es auch Menschen befallen könne, das wisse man aus der Erforschung zu Sars-CoV-1: »Da gleiche Virusarten in der Regel die gleiche Krankheitsökologie haben, ist hier ein wissenschaftlicher Homologieschluss erlaubt, ich muss sogar sagen: geboten. Für die Hypothese vom Labor-Ursprung gibt es vergleichbar hochwertige wissenschaftliche Erkenntnisse nicht.« Es habe in der Telefonschaltung keine Druckversuche gegeben, jemanden in irgendeine Richtung umstimmen zu wollen. Man habe festgestellt, dass es bei den Sequenzdaten ein paar Auffälligkeiten auf Genabschnitten gab. Dazu gehört die Furin-Spaltstelle, die es so in jener Gruppe Coronaviren, in der Sars-CoV-2 zugeordnet wird, nicht gegeben hat. In anderen jedoch schon. Nachuntersuchungen bei Sars-verwandten Viren haben ergeben, dass es nur wenige oder gar nur eine Mutation braucht, bis man eine vergleichbare Furin-Spaltstelle erhält. Das sei eine Anzahl Veränderung, die in der Natur schnell passiert. Auch eine andere Auffälligkeit sei u.a. besprochen worden: Kristian Andersen hat eine Veränderung entdeckt (eine sogenannte Glykosylierung), die darauf hindeuten könnte, das Virus sei in einem Tier gezüchtet worden. Die gleichen Veränderungen können aber auch in der Natur entstehen, wenn Viren zwischen Tieren übertragen werden. Das Fazit in der Telefonkonferenz war, man könne zur Laborthese weder »Ja« noch »Nein« sagen. Nun kümmere sich die WHO um diese Frage.

Auf dem Huanan-Markt, in dessen Umfeld die ersten Fälle gefunden worden sind, wurden Tiere gehandelt, die als Zwischenwirte in Frage kommen. Insofern ist es angezeigt, in Wuhan nach dem Ursprung zu fahnden.

Für Drosten neu war die Information, die letzten Herbst die Runde machte, dass es am WIV gefährliche Experimente mit Mäusen gab. Das hat ihn überrascht. Er hätte es begrüßt, wenn diesbezüglich offener kommuniziert worden wäre. Er habe schließlich in einem Lancet-Statement die »Hand ins Feuer gelegt«, dass solche Projekte in Wuhan nicht stattfänden. Es sei möglich (aber nicht zwingend), dass bei diesen Projekten Viren gefährlicher werden. Solche Experimente sollten nur in absolut sicheren Laboren vorgenommen werden. Und nur dann, wenn es wirklich keine andere Möglichkeit gibt, eine bestimmte, relevante Frage zu klären. Aus den Projektberichten geht nicht hervor, welche Standards das WIV eingehalten hat (Gefährliche Experimente). Drosten meint zudem, dass bei diesen gefährlichen Experimenten Sars-CoV-2 nicht habe entstehen können, die eingepflanzten Eigenschaften stimmten nicht mit jenen von Sars-CoV-2 überein.

Um den Ursprung des Virus zu finden, sei man auf den guten Willen Chinas angewiesen. Man sollte deshalb von nicht bewiesenen Anschuldigungen absehen, das fördere das Entgegenkommen der Chinesen bestimmt nicht. Er könne auch nicht genau einschätzen, wie es um die Unabhängigkeit chinesischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stehe. Zudem wisse man leider noch viel zu wenig über die Tiere, die als Zwischenwirte in Frage kommen könnten, und die auf dem Markt verkauft wurden. Weiter würde es noch zu wenige fundierte Kenntnisse über die Coronaviren in diesen Tieren geben: »Systematisches Stichprobendesign, Methodenevaluierung, Positivkontrollen, Gegentestung in Laboren, all diese Informationen fehlen.« Man habe unterdessen leider nicht viel Neues zu Sars-CoV-2 aus China erfahren. Drosten glaubt, es seien durchaus noch Spuren vorhanden, die es erlauben, nähere Aufschlüsse zum Ursprung zu finden. Und einmal mehr beantwortet er die Frage, nach der Wahrscheinlichkeit der Laborthese: »Es gibt nichts, was es nicht gibt. Ich will nichts ausschließen, aber es ist derzeit nur eine Möglichkeit.« Die Erklärungen der Labortheoretiker seien »einfach technisch unplausibel« (siehe Autostereoanlagevergleich).

Lakonisch beantwortet er die Frage, ob er mit Wiesendanger gesprochen habe: »Nein, ich habe ihn bisher kaum wahrgenommen. Ich frage mich natürlich: Wenn er wirklich dachte, ich verfüge über Insiderwissen, das ihn mit seinen Ideen weiterbringt – warum hat er mich nicht einfach mal angerufen?«

Teil 3: Besuch bei Shi Zhengli

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Virus

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)

Man baut Chimäre Viren zusammen, um zu untersuchen, welche Genabschnitte welche Wirkungen hervorrufen. Die Befürworter von gain-of-function-Experimenten argumentierten, dass sie der virologischen Forschung helfen können, natürliche Ausbrüche besser zu verstehen und abzuwehren. Kritikerinnen halten sie jedoch für unangemessen und gefährlich. Wie das Beispiel in Wuhan zeigt, wo Mäuse mit einem chimären Virus angesteckt wurden, gibt es sowohl unter Forschern als auch in den unterstützenden Institutionen Meinungsunterschiede, ab wann gain-of-function-Experimente wirklich gefährlich werden. Hinsichtlich des Begriffs gain-of-function präzisiert Christian Drosten im Magazin Cicero (9. Februar 2022) schriftlich: »Biologisch betrachtet führen gain-of-function-Experimente in der Regel nicht zu einer Erhöhung der Pathogenität oder Übertragbarkeit. Erfahrungsgemäß sind gentechnisch veränderte Organismen in ihrer Gefährlichkeit gegenüber den natürlich vorkommenden Viren abgeschwächt.« Im Umkehrschluss heißt das: erst wenn ein gain-of-function-Experiment ein Virus pathogener und ansteckender macht, wird das Experiment gefährlich. »Gefährlich« und »gain-of-function« sind demzufolge keine Synonyme. Eigentlich finanzieren weder das US-National-Institut-of-Health noch das National Institute of Allergy and Infectious Diseases diese Art von Forschung. Wegen der Begriffsungenauigkeit kommt es aber immer wieder zu Diskussionen, ob die Regeln eingehalten worden sind. Nicht immer sieht man im Voraus, ob eine Manipulation das Virus gefährlicher macht oder nicht. Ein beleuchtender Artikel ist in The Intercept erschienen ( https://theintercept.com/2021/09/09/covid-origins-gain-of-function-research/ )