Laborthese oder Zoonose. Ein Update in fünf Teilen (1)

Teil 1: Zur Laborthese
In den ersten beiden Monaten des Jahres 2022 gab es zahlreiche neue Erkenntnisse zur Zoonose-These, aber auch alte Verdächtigungen zur Laborthese wurden mit neuen Argumenten aufgewärmt. Der Versuch einer Übersicht. Wir beginnen mit der Laborthese. Indirekt auch ein Fall fürs Gericht.
Gewissheit: Die Mondlandung wurde in einem Filmstudio in Hollywood inszeniert.
Gewissheit: Die Erde ist eine Scheibe.
Gewissheit: Das Sars-Virus kommt aus dem Labor. Oder etwa doch nicht?

(Hier geht es zu den bisherigen Artikeln zur Laborthese in der Textvitrine)

Beginnen wir mit einem Aufwärm-Artikel von Marcel Gyr, der sich offenbar nicht von der Laborthese lösen kann, in der NZZ vom 9. Februar 2022.

Gefährliche Forschung

Gyr befragt den Hamburger Physik-Professor Roland Wiesendanger, der im Februar 2021 eine »Studie zum Ursprung der Coronavirus-Pandemie« veröffentlich hat. In dieser Studie beleuchtet Wiesendanger verschiedene Erklärungsversuche, wie es zu dieser Pandemie gekommen ist. Er kommt zum Schluss, dass das Sars-CoV-2 vermutlich aus einem Labor aus Wuhan stammt. Zwingende Beweise kann er allerdings nicht vorlegen. Dank persönlicher Beziehungen hatte ihn die Auseinandersetzung mit der Ursprungsfrage schon sehr früh – lange vor der WHO-Forschergruppe – nach Ostasien, insbesondere nach China, gebracht. Bald einmal rückte das Wuhaner Institut für Virologie (WIV) und die Virologin und sogenannte Bat-Woman Shi Zhengli ins Zentrum seines Interesses. Das Institut erforscht seit dem Ausbruch des Sars-CoV-1 2002/2003 intensiv Coronaviren und hat eine umfangreiche Sammlung von Gensequenzen mit Erregern angelegt, die vor allem in Fledermäusen gefunden wurden (vergleiche hier). Mit diesen Gensequenzen wird auch experimentiert. Shi und ihr Institut haben häufig mit dem Zoologen Peter Daszak von der EcoHealth Alliance und mit dem Mikrobiologen Ralph S. Baric von der Universität North Carolina zusammengearbeitet. Daszak ist eine gut vernetzte und schillernde Figur, der in den letzten 20 Jahren mit staatlich gesprochenen Geldern umfangreiche Forschungsprojekte durchführte. Da er selbst kein Virologe beziehungsweise Mikrobiologe ist, arbeitet er häufig mit spezialisierten Fachkräften in Laboren zusammen, eben etwa mit Shi Zhengli oder mit Ralph S. Baric.

In dieser Forschung wurden auch schon chimäre Coronaviren erzeugt. Zum Beispiel setzten sie in einen Verwandten des Sars-CoV-1 ein Spike-Protein ein. Dieses Protein ermöglicht eine leichtere Übertragung des Virus auf den Menschen. Mit dieser Manipulation konnten die Forscher zeigen, dass das veränderte Sars-CoV-1 für den Menschen ansteckender wird. Daszak kam zudem in die Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass er ab 2008 vom US-Verteidigungsministerium zirka 40 Millionen USD für die Erforschung von Biowaffen erhalten hat (NZZ, 14.10.2021). Der Antrag für Unterstützung von Forschung, die einen Einbau der sogenannten Furin-Spaltstelle in ein Coronavirus vorgesehen hatte, wurde vom US-Verteidigungsministerium jedoch abgelehnt (vergleiche hier). Die Infektiosität des Virus hätte stark zugenommen. Letzteres Projekt hatte Daszak zusammen mit Baric, Shi und anderen eingereicht.

Lange galt das RaTG13 als der nächste Verwandte von Sars-CoV-2. Unterdessen haben Forscher in Laos noch nähere Verwandte gefunden: etwa Banal-52. Es verfügt über ein sehr ähnliches Spike-Protein. Die sogenannte Furin-Spaltstelle (d.h. die molekulare Struktur des Proteins) des Sars-CoV-2, die das Eindringen des Virus in Zellen erleichtert, konnte allerdings weder in RaTG13 noch in Banal-52 noch in anderen Viren in der freien Natur identifiziert werden (siehe Furin-Spaltstelle). Mit anderen Worten: die verschiedenen Viren können zwar dank ihres Spike-Proteins gut an Zellen des Wirts andocken. Die Furin-Spaltstelle jedoch, die dem Sars-2-Virus erlaubt, so effizient in die Zelle einzudringen, wurde in anderen Viren nicht gefunden.

Wiesendanger geht im Weiteren auf die fragwürdigen Forschungsprojekte von Daszak ein. Er wirft ihm vor, sogenannte gain-of-function-Forschung betrieben beziehungsweise initiiert zu haben. Unklarheit Unter Obama wurde diese Art der Forschung, die man – statt gain-of-function – allgemeiner auch als gefährliche Forschung bezeichnen könnte, sistiert. Wiesendanger merkt an, dass die entsprechenden Laborversuche nach Wuhan ausgelagert wurden. Er will nicht ausschließen, dass die Eingriffe in die Gensequenz stattgefunden haben.

Gyr bemerkt, dass die These, die sich auf eine Labormanipulation stützt, in sich zusammenbrechen würde, fände man einen Zwischenwirt, der Träger von einem vergleichbaren Erreger ist. Wiesendanger gibt ihm recht, fügt jedoch an, dass man trotz großer Bemühungen noch keine Zwischenwirte gefunden habe. Auch nicht bei den Tierarten, die auf Christian Drostens Verdächtigen-Liste vermerkt sind.

Die Telefonkonferenz

Weiter beklagt sich Wiesendanger über die missglückte Berichterstattung, die seine Erkenntnisse in den Medien erhalten hat, und er kommt schließlich auf die berühmt-berüchtigte Telefonkonferenz mehrerer Forscherinnen und Forscher mit Anthony Fauci vom 1. Februar 2020 zu sprechen (u.a. mit Fauci, Collins, Andersen, Drosten). In dieser Konferenz wurde über den Ursprung spekuliert. Offenbar gab es mehrere Fachkräfte, die einen Laborunfall oder -ausbruch nicht ausschlossen, ja sogar befürworteten (vergleiche hier). Die Konferenzteilnehmer Robert Garry und Edward Holmes waren über die ungewöhnliche Zusammensetzung der Furin-Spaltstelle erstaunt; Kristian G. Andersen ging in einer Gensequenz-Untersuchung von der Hypothese aus, es handle sich um einen Laborunfall, die Resultate ließen ihn – und auch die meisten anderen – dann davon überzeugen, dass höchstwahrscheinlich von einem natürlichen Ursprung auszugehen ist. Gyr referiert die wissenschaftspolitischen Erwägungen im Anschluss an diese Telefonkonferenz. Der Direktor der US-Gesundheitsbehörde (NIH) Francis S. Collins befürchtete einen enormen Reputationsschaden für die Wissenschaft, sollte das Virus tatsächlich aus einem Labor entwichen sein. Es sei deshalb alles zu unternehmen, diese These nicht wahr werden zu lassen (Nachtrag). Wiesendanger wird noch deutlicher: »Das hat nichts mit Wissenschaft zu tun, das ist eine Irreführung der Öffentlichkeit… Es gibt bereits einen ersten Strafantrag beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag.«

Die Frage nach den Anhaltspunkten, die diese Sichtweise belegen könnten, beantwortet der Physiker mit dem Hinweis, dass am 12. September 2019 das WIV seine Datenbank vom Netz genommen hat. Offiziell begründet wurde dieser Schritt mit der Angst vor Hackerangriffen. Wiesendanger ist überzeugt, dass die Einsicht in die komplette Gendatenbank des WIV und die Offenlegung des E-Mail-Verkehrs im Anschluss an die Fauci-Telefonkonferenz die Frage nach dem Ursprung erheblich voranbringen könnte. Er muss trotz allem aber eingestehen: Der viel zitierte rauchende Colt kann auch er nicht auf den Tisch legen. Alles Spekulation also? Viel Schall und Rauch ohne Colt? Vielleicht.

Zwischenbemerkung: Interessant an Wiesendangers Argumentation wie Gyr sie darstellt: dem Vorwurf aus Wissenschaft und Medien, dass seine Argumentationslinie einer Verschwörungserzählung gleiche, fügt er mit der clandestinen Absprache noch eine weitere Verschwörungsschlaufe hinzu. Zuerst wurden im Geheimen Viren in gefährlicher Weise manipuliert und dann wurde die ganze Geschichte von der verschworenen Gemeinschaft der Forscherinnen und Forscher im Einklang mit den politischen Entscheidungsträgern (sozusagen ein innerer Zirkel) verheimlicht, mehr noch: sie lenkten die Öffentlichkeit wissentlich und willentlich auf die falsche Fährte. Wiesendanger brauchte einen Whistleblower aus dem WIV oder der Fauci-Gruppe.

Nachtrag vom 15. März 2022:

Gerichtsurteil

Das Landgericht Hamburg hat eine Klage von Christian Drosten teilweise gutgeheißen: Roland Wiesendanger darf nicht mehr behaupten, Drosten habe in Bezug auf den Ursprung des Coronavirus »die Öffentlichkeit gezielt getäuscht.« Hierfür gibt es keine Belege, in Juristendeutsch: »hinreichende Anknüpfungstatsachen.« Wiesendanger darf aber weiterhin behaupten, es gebe eine »Desinformationskampagne« und es würden »Unwahrheiten« verbreitet. Die Aussagen machte Wiesendanger im Magazin Cicero. Es deckt sich weitgehend mit jenen Aussagen, die der Physiker im hier zusammengefassten NZZ-Artikel gemacht hat. Cicero hat das Interview vorübergehend vom Netz genommen, die NZZ nicht.

Zwischenfazit

Bis im Februar 2022 konnte die Laborthese nicht hinreichend mit Fakten unterlegt werden. Schaut man sich als Laie die Argumentation an, wirkt einiges doch arg unglaubwürdig. (Wir werden weiter unten feststellen, dass die Argumente und Indizien für die Zoonose überhand nehmen…)

 

Ergänzen wir die Geschichte mit einem weiteren Baustein: Teil 2: Christian Drostens Antwort

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Virus

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)

Es ist allerdings nicht immer klar, ab wann bei einem Eingriff in die Genstruktur eines Virus oder Erregers von gain-of-function gesprochen werden kann. Prinzipiell bedeutet gain-of-function nicht, dass das Virus gefährlicher wird. Erst wenn dabei die Pathogenität und/oder die Übertragbarkeit erhöht wird, wird gain-of-function gefährlich (vergleiche Drostens Antwort, Neues zur Laborthese oder die Anmerkung von Shi Zhengli weiter unten).

In Vanity Fair (22.3.2021) wird erwähnt, dass der damalige CDC-Direktor Robert Redfield, der stets die Auffassung vertrat, alle Erklärungsversuche näher zu prüfen, nicht an der Konferenz teilgenommen hat. Redfield hatte den Eindruck, dass die Gruppe dort bewusst die Entscheidung getroffen hat, nur noch einer Erklärung, der Spillover-Theorie, nachzugehen: »They were going to push one point of view only.«