Saaremaa
Die beschauliche Insel Saaremaa liegt westlich des estnischen Festlands. Sie ist das größte Eiland des nördlichsten baltischen Staates und die viertgrößte der Ostsee. Der meist flache Küstenstreifen wird von ein paar Steilküsten unterbrochen, Wälder und Seen bestimmen das Inselinnere. Nennenswerte Anhöhen gibt es nicht. Die Bewohnerinnen und -bewohner durchlebten das im Baltikum verbreitete Schicksal, im 20. Jahrhundert vom Zarenreich und dessen Nachfolgerin der kommunistischen Sowjetunion, später vom nationalsozialistischen Deutschen Reich und hinterher wiederum von der Sowjetunion beherrscht beziehungsweise besetzt worden zu sein. Auf der Insel war im 1. Weltkrieg eine russische Flotte stationiert und ab 1941 wurden zwei sowjetische Luftwaffenstützpunkte errichtet. Im Oktober 1944 fand eine erbitterte Schlacht zwischen den aus dem Baltikum abziehenden deutschen Truppen und den vorrückenden vermeintlichen Befreiern statt. Wegen der strategisch wichtigen Lage war die Insel in der Nachkriegszeit Sperrgebiet und nur mit Genehmigung zu betreten. Nun rückt Saaremaa erneut in den Mittelpunkt, diesmal als Name für ein Projekt des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND).
Ermittlungen seit 2020
Der BND geht schon seit 2020 davon aus, dass das Coronavirus wahrscheinlich im Labor in Wuhan freigesetzt worden war. Das besagen Recherchen der Zeit, der Süddeutschen Zeitung und der Neuen Zürcher Zeitung. Unter dem Codenamen »Saarema« wurden zahlreiche öffentliche und geheime und wissenschaftliche Daten aus chinesischen Forschungseinrichtungen aufgespürt und gesammelt. Offenbar standen die Labore des Wuhan Instituts für Virologie (WIF) im Zentrum der Ermittlungen. In diesem Institut wurden bekanntermaßen zahlreiche Projekte zur Übertragung von Coronaviren durchgeführt (die Textvitrine hat wiederholt darüber berichtet). Nach der Sars-1-Epidemie 2002/2003 war es naheliegend, sich nach dem Ursprung der Krankheit zu widmen. Also hat man sich aufgemacht und versucht, sich dem Virus auf verschiedenen Wegen auf die Spur zu kommen. Den Forscherinnen und Forschern um Shi Zhengli vom WIV ist es 2013 gelungen, das Sars-1-Virus zu identifizieren und zu verorten, woher es stammt. Gefunden hat sie das Virus in einer Fledermaus, einer Chinesischen Hufeisennase. Zudem konnte das Virus isoliert werden, um es genauer untersuchen zu können.
Die Forscherinnen und Forscher wollten dabei unter anderem herausfinden, wie die Viren, wenn sie einen Körper befallen haben, aktiviert werden. Dabei spielt die sogenannte Furinspaltstelle eine entscheidende Rolle. Die Furinspaltstelle erlaubt es dem Virus, an Zellen anzudocken und die Erbinformationen in der Wirtezelle einzuschleusen. Sie ermöglicht also dem Erreger, sich in den Atemwegen des Infizierten auszubreiten. Nun haben sich, so sagt Christian Drosten der Berliner Charité in einem Interview in der TAZ (taz, 25.1.2025), chinesische Forscher darum bemüht, diese Furinspaltstelle in Sars-Viren einzubauen. Denn Shi Zhengli musste feststellen, dass es äußerst schwierig ist, Sars-Viren zu isolieren und damit der Forschung zugänglich zu machen. Die Furinspaltstelle ist sehr fragil und geht schnell kaputt. Die Vermehrung in einer Zellkultur, die auf die reibungslose Funktion dieser Stelle angewiesen ist, scheint deshalb sehr diffizil zu sein. Deshalb wurde offenbar versucht, solche Stellen um Labor in die Zellen einzubauen. Aber auch in anderen Viren wurde versucht, das Element einzufügen. Das findet Drosten besorgniserregend: »Wenn ich dagegen Sars-Viren eine künstliche Furinspaltstelle einsetzen würde, dann würde ich etwas machen, das möglicherweise in der Natur noch gar nicht da ist und von dem ich schon vermuten könnte, dass es das Virus übertragbarer macht.«
Experimente mit solchen Viren werden üblicherweise in Laboren mit mindestens der biologischen Schutzstufe 3 (biosafety level 3) durchgeführt. Die Risikogruppe 3 umfasst laut der offiziellen Biostoffverordnung Substanzen, »die eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen und eine ernste Gefahr für Beschäftigte darstellen können; die Gefahr einer Verbreitung in der Bevölkerung kann bestehen, doch ist normalerweise eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung möglich.« Dazu zählen etwa das Humane Immundefizienz-, das Vogelgrippe-, das Dengue- und das Gelbfieber-Virus. Laut BND haben am WIF offenbar riskante Manipulationen an Coronaviren in Laboren mit dem Biosafety Level 2 stattgefunden. Ob es dabei um das Einsetzen der Furinspaltstelle geht, ist noch nicht bekannt. Ist der BND nun im Besitz von Unterlagen, die das beweisen können?
Weiters sieht Drosten beim Begutachten von chinesischen Forschungspapieren, dass nicht immer klar ist, auf welcher Sicherheitsstufe welche Experimente durchgeführt werden. Diese fehlende Information ist Indiz dafür, dass es auch sonst an Transparenz mangelt. Hat der BND auch hierzu Unterlagen gesammelt?
Zudem hätten gemäß des Virologen von der Charité die chinesischen Forscherinnen und Forscher die »technischen Möglichkeiten« gehabt, Belege für einen natürlichen Ursprung vorzulegen. Das ist aber nicht geschehen. Liegen dem BND Beweise der chinesischen Gesundheitsbehörde CDC vor, die einen natürlichen Ursprung – beispielsweise auf dem Huanan-Markt in Wuhan – ausschließen? Und dass das CDC im Umkehrschluss Anhaltspunkte verschwiegen hat, die auf einen Laborunfall hindeuten könnten?
Und wie beurteilt der BND die handwerklichen Probleme, ein solches Virus tatsächlich in einem Labor herzustellen? Einer der nächsten bekannten Verwandten des Sars-2-Virus ist das sogenannte RaTG 13-Virus. Es wurde sehr genau untersucht. Es stimmt zu 96 Prozent mit dem Sars-2-Virus überein. Evolutionär gesehen, liegen zwischen den beiden Viren jedoch 40 Jahre, das sind geschätzt etwa 1000 Mutationen. Ein Forscherteam hätte also im Labor am RaTG 13-Virus 1000 Mutationen vornehmen müssen, um Sars-CoV-2 hervorzubringen, Furinspaltstelle inklusive. Das ist kaum denkbar und forschungsökonomisch unsinnig. Das sagte auch Christian Drosten im NDR-Corona-Podcast Nr. 92 vom 8. Juni 2021.
Und die zweite Erklärung?
Allerdings: Es gibt klare Hinweise – aber keine handfesten Beweise –, dass in Tieren auf dem Huanan-Markt das Virus zirkulierte. Fest steht, dass in jenen Bereichen des Marktes, in denen lebende Tiere gehandelt wurden (auch Marderhunde, die schon bei Sars-1- im Zentrum standen), Spuren von Sars-Viren gefunden wurden. An Wänden, auf dem Boden, an Käfigen, im Abwasser. Das chinesische CDC hat nach Ausbruch der Pandemie Proben von Viren gesichert. Lange wurden die erhobenen Daten und ihre Auswertung geheim gehalten. Die Fachwelt fordert seit jeher die Herausgabe des Materials, aber das CDC bleibt stur. Funkstille. Ohne Ankündigung sind jedoch im Frühjahr 2023 auf der öffentlich zugänglichen Internetplattform GISAID einzelne Daten dieser Proben publiziert worden. Warum plötzlich? Gleichwohl für viele eine freudige Überraschung. Die französische Biologin Florence Débarre hat den Datensatz zufällig entdeckt. In der NZZ vom 19.9.2024 sagt die Sorbonne-Professorin: »In dem Bereich im Huanan-Markt, in dem die grösste Menge von Sars-CoV-2 Genmaterial gefunden wurde, waren auch Tiere vorhanden, die nachgewiesenermaßen empfänglich für Coronaviren sind und diese auch weitergeben können. Es gibt Abstriche von Geräten in einem Verkaufsstand, da ist auf einem Stäbchen sowohl Genmaterial von Sars-CoV-2 als auch von Marderhunden.« Diese ersten Ergebnisse wurden in vertieften Analysen bestätigt. Was fehlt, ist die präzise Zuordnung von Sars-Viren auf ein konkretes Tier. Hierzu reichen zwei Proben auf einem Stäbchen nicht, auch wenn dies doch ein starkes Indiz, aber eben nur ein Indiz, darstellt. Der ursprüngliche Übeltäter der Sars-Probe konnte nicht identifiziert werden. Das wäre der berüchtigte rauchende Colt. Aber: Können diese schwerwiegenden Hinweise einfach so beiseitegeschoben werden? Mit anderen Worten: Wie beurteilt der BND die Beweislage eines Zoonose-Ursprungs?
Wir sind gespannt auf die Antwort der Expertinnen und Experten.
Jenseits der Fragen nach dem Ursprung
Fragen stellen sich aber auch politischer Art. Sowohl die Regierung Merkel als auch die Regierung Scholz wusste von den Vermutungen des BND. Wieso wurde die Öffentlichkeit nicht davon unterrichtet? Wollte man China nicht auf den Schlips treten? Weshalb werden erst jetzt, fünf Jahre später, Fachkräfte herangezogen, die die BND-Unterlagen prüfen und beurteilen? Gibt es einen Zusammenhang mit dem Perspektiven-Wechsel in den USA? Nachdem Donald Trump die Präsidentschaft übernommen hat, wurde ohne nähere Begründungen oder neue Beweise vorzulegen, angeordnet, in Zukunft bezüglich Corona von einem Laborausbruch in China zu sprechen.
Der Kern des Problems ist aber die chinesische Blockade-Haltung. Nichts wird preisgegeben, was der Wahrheitsfindung dienen könnte. Die GISAID-Daten sind eine spärliche Ausnahme. Als weltpolitisches Schwergewicht stünde China in der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. Noch immer geistern im Land der Mitte Erklärungen herum, das Virus sei von aussen eingeführt worden, zum Beispiel von US-Soldaten, die zu einem Festival in Wuhan gekommen waren, oder von norwegischem Lachs.
Insofern versteht man den Codenamen »Saaremaa«: Eine von einer autokratischen Regierung deklarierte Sperrzone wurde errichtet.