Lektüren: Jon Cohen »Ruf der Wildnis«

Laborthese contra Zoonose
Cohens Text ist eine Übersetzung eines Science-Artikels vom 3. September 2021. Er bestätigt in weiten Teilen die Aussagen des textvitrine-Beitrags »Und wieder grüßt die Laborthese« vom 17. August 2021 und ergänzt ihn mit Präzisierungen und aussagekräftigen Zitaten zahlreicher Forscherinnen und Forscher. Quelle: SZ, 25. September 2021

Die von Biden geforderten Untersuchungen der US-Geheimdienste zum Ursprung des Virus und zur Laborthese liegen vor. Es gibt, wie zu erwarten war, keine neuen Erkenntnisse. Nach wie vor fehlen sowohl zur Labortheorie als auch zur zoonotischen These hinreichende Beweise. Allerdings verdichten sich die Indizien, dass die zweite Erklärung wahrscheinlicher ist. In einem ersten Teil geht Cohen auf die Argumente der Laborthese ein; in einem zweiten Teil folgen die Erörterungen zu einer natürlichen Virus-Übertragung über Zwischenwirte.

In einem offenen Brief in der Zeitschrift Science forderten mehrere Forscherinnen und Forscher, dass – im Nachgang zum WHO-Bericht – sowohl die Laborthese als auch die Zoonose-These erneut genauer untersucht werden sollen. Der Verfasser des Science-Briefes Jesse Bloom vom Fred Hutchinson Cancer Research Center meint, der »Laborverdacht wird sich solange halten, wie sich die chinesische Regierung gegen eine Zusammenarbeit sperrt.« Ein paar Exponenten, die diesen Brief unterschrieben haben, sind unterdessen von der Laborthese wieder abgerückt (z.B. Evolutionsbiologe Michael Worobey von der University of Arizona).

 

Zur Plausibilität der Laborthese gibt es folgende Überlegungen:

Ein neuartiges Coronavirus taucht in jener Stadt auf, in der in mehreren Laboren intensiv an Coronaviren geforscht wird. Labormitarbeiter können sich versehentlich infizieren und das Virus auf andere übertragen. Solche Zwischenfälle sind verbrieft und kommen immer wieder vor. Das Sarsvirus aus dem Jahre 2003 etwa hat auf diese Weise sechs Forscher angesteckt. Cohen zitiert zudem eine Wuhan-Institute-of-Virology-Studie, die bei Menschen, die in der Nähe von Fledermaushöhlen leben, Antikörper, die auf eine Infektion von Coronaviren hindeuten, nachweisen konnte. Eine Übertragung von einem dieser Angesteckten auf einen Forscher, eine Forscherin ist also sehr wohl denkbar, vielleicht gar von einer dem Menschen schon angepassten Form des Virus, wie die Molekularbiologin und Gentherapiespezialistin Alina Chan vom Broad-Institut of MIT and Harvard sagt. Cohen erwähnt ebenfalls den unveröffentlichten Bericht eines US-Geheimdienstes, laut dem drei Mitarbeiter des WIV im November 2019 das Krankenhaus aufsuchen mussten. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass sich in China die Leute auch bei Bagatellen in Kliniken behandeln lassen.

Der Virologe Robert Gerry von der Tulane University in New Orleans bemerkt, dass er eine Ansteckung ausgerechnet von Forschern, die dann das Virus nach Wuhan tragen, für eher unwahrscheinlich hält. »Es gibt Hunderte von Millionen Menschen, die mit Wildtieren in Kontakt kommen.« Warum hätten diese Forscher das Virus ausgerechnet in die Märkte, wo es als erstes entdeckt wurde, tragen sollen und nicht etwa an einen Sportanlass, ein Konzert oder eine andere Massenveranstaltung? Statistische Wahrscheinlichkeiten sprechen nicht für die Forscheransteckunsgthese.

Der Molekularvirologe Linfa Wang von der Duke-NUS Medical School in Singapur arbeitet schon länger eng mit dem WIV zusammen. Er forscht über Coronaviren. Er sagt: »Unfälle können nur passieren, wenn man bereits ein lebendes Virus in der Kultur hat, das austreten kann.« Coronaviren seien jedoch sehr schwer zu züchten (das sagt auch Christian Drosten, zudem »überleben« sie kaum). Shi Zhengli konnte in den letzten 15 Jahren gerade mal drei Coronaviren isolieren und züchten. Keines von diesen sei dem SARS-CoV-2 ähnlich.

Zudem sagt Wang, dass das WIV keine lebenden Fledermäuse besitze. Vor ein paar Jahren habe man zwar vorübergehend für Immunstudien Fledermäuse gehalten, aber keine Hufeisennasen, in denen als einzige Gattung überhaupt jene Coronaviren nachgewiesen werden konnten, die in Zusammenhang mit Sars stehen.

Des Weiteren weist Cohen mit den im Holmes-Laborthese-Beitrag dargelegten Gründen die Geschichte mit den sechs schwer erkrankten Minenarbeitern in Moijang (Yunnan) aus dem Jahre 2013 zurück. Shi Zhengli und ihr Team konnten bei Fledermäusen (genauer bei den Rhinolophus affinis), die in der Mine lebten, ein SARS-CoV-2 verwandtes Virus nachweisen (RaTG13). Die Atemwegserkrankung der Arbeiter, von denen drei starben, konnten anhand der Blutproben jedoch nicht mit diesem Coronavirus in Verbindung gebracht werden. Shi hatte Anfang 2020 die Proben erneut untersucht, um ausschließen zu können, dass es sich auch nicht um das neue SARS-CoV-2 gehandelt hatte, was ihr auch gelang. Zur verzögerten Veröffentlichung – das RaTG13-Genom wurde erst im November 2020 und auf Druck von außen publiziert – der Funde in der Mine sagt Wang: »Wir wollten beweisen, dass ein Coronavirus die Todesfälle verursacht hat«, aber diesen Nachweis konnten sie nicht erbringen. Wang weiter: »Wenn wir bewiesen hätten, dass ein Sars-ähnliches Virus bei Menschen in China vorkommt, wäre das wissenschaftlich brillant gewesen… Kein Wissenschaftler wird darauf warten, dass dies durchsickert.« Mit anderen Worten: Noch so gerne hätten sie diese Neuigkeit in die Welt gesetzt. Aber diese Neuigkeit gab es schlichtweg nicht.

Anschließend geht Cohen auf die gain-of-function-Forschung ein. Bei dieser Art von Experimenten werden »absichtlich Krankheitserreger erzeugt, die virulenter oder besser auf Menschen übertragbar sind als ihre natürlichen Verwandten.« Damit kann man künftige Bedrohungen erkennen und Maßnahmen dagegen entwickeln. Shi Zhengli hat am WIV solche chimären Viren geschaffen, allerdings ist sich die Fachwelt nicht einig, ob es sich dabei wirklich um gain-of-function handelt. Sie selbst sagt, sie habe nach 2017 und dem Projekt mit der EHA (Laborthese), das vom U.S. National Institut of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) alimentiert wurde, keine Experimente mit chimären Viren durchgeführt, die weiter gingen. Allerdings gestand sie ein, dass einige Experimente lediglich in einem Labor der Sicherheitsstufe 2 durchgeführt worden sind. Der Coronaforscher Ralph Baric von der University of North Carolina, der schon öfters mit Shi zusammengearbeitet hat, sagt, dass er diese Stufe für zu niedrig hält. Und David Relman, ein Mikrobinom-Forscher an der Stanford University, sagt, die Bezeichnung gain-of-function sei »vage und verwirrend«, er würde lieber von »unnötig riskanter Forschung« sprechen.

Gegen die Laborthese spricht zudem, dass es forschungsökonomisch viel zu aufwändig und umständlich gewesen wäre, das Ausgangsmaterial – das molekulare Grundgerüst oder Backbone –, in das dann die Furin-Spaltstelle (s.u.) eingesetzt worden wäre, künstlich herzustellen. Der nächste Verwandte von SARS-CoV-2, das RaTG13, unterscheidet sich in mehr als 1100 Bausteinen von diesem. »Niemand hat so viel Einblick in die virale Pathogenese, um etwas so Ausgeklügeltes wie SARS-CoV-2 zu entwickeln«, sagt Virologe Garry. (Man erinnere sich an den Vergleich von Christian Drosten mit dem neuen Autoradio, das getestet werden will. Dafür wird wohl kaum ein komplett neues Auto darum herum gebaut; Laborthese)

Auch eine Herstellung durch das sogenannte Passagieren (dabei werden Viren in einer Laborschale gezüchtet und geerntet, danach wird dieser Vorgang mehrmals wiederholt, damit sich Mutationen bilden können) steht vor vergleichbaren Problemen: Es gibt keinen Verwandten, der ähnlich genug ist, um überhaupt den Passagierprozess hin zu SARS-CoV-2 zu beginnen.

Zu den Spike-Proteinen: Spike-Proteine, von deren zackenartigen Form der Name Corona stammt, binden das Virus an eine (beispielsweise menschliche) Wirtezelle. An diesen Spike-Proteinen gibt es eine bestimmte Stelle, an der das menschliche Enzym Furin das Protein schneidet. Damit wird ermöglicht, dass das Virus in die menschliche Zelle eindringen kann. Manche Labortheoretiker verweisen auf die Einzigartigkeit dieser sogenannten Furin-Spaltstelle beim SARS-CoV-2. Sie haben daran erinnert, »dass keine mit Sars verwandten Fledermaus-Coronaviren dieses Merkmal aufweisen, was zu Spekulationen führte, dass ein Labor diese Stelle einem Virus hinzugefügt hat, damit es Menschen infizieren kann«, schreibt Cohen. Einige Fachleute wenden jedoch ein, dass bei mehreren Viren der Gattung der Coronaviren (genauer von Betacoronaviren), zu der SARS-CoV-2 gehört, diese Furin-Spaltstelle sehr wohl zu finden ist und sich auf natürliche Art und Weise entwickelt hat. Ein Team um Shi Weifeng von der Shandong First Medical University in Jinan etwa entdeckte an einem SARS-CoV-2-verwandten Erreger die Furin-Spaltstellen, was stark darauf hindeutet, dass SARS-CoV-2 einen »natürlichen, zoonotischen Ursprung« hat. Diese Argumentation hat sogar den Nobelpreisträger und Virologen David Baltimore, der ursprünglich glaubte, die Spaltstelle sei durch eine Manipulation im Labor entstanden, vom Gegenteil überzeugt.

 

Und damit wären wir bei der Zoonose. Und den Märkten.

Im WHO-Bericht steht, dass im Huanan-Seafoodmarket zahlreiche Proben gesichert werden konnten, in denen Spuren des SARS-CoV-2 gefunden wurden. Aus diesen Materialien konnten sogar zwei Viren kultiviert werden. Das zeigt, dass der Markt »voller Viren gewesen sein muss«. Wang sagt: »In meiner Laufbahn ist es mir noch nie gelungen, ein Coronavirus aus einer Umweltprobe zu isolieren.« Entgegen Aussagen im selben Bericht, der besagt, es seien keine lebenden Tiere auf dem Markt gehandelt worden, kam eine Studie um Zhou Zhao-Min von der China West Normal University zum Schluss, dass zwischen 2017 und 2019 in 17 Geschäften des Huanan-Seafoodmarket und drei weiteren Märkten in Wuhan fast 50’000 meist lebende Tiere verschiedener Arten verkauft worden sind. Atemwegviren können von lebenden Tieren viel besser übertragen werden als mit reinem Fleisch. Das deutet darauf hin, dass auch die These des verseuchten Fleisches, das womöglich sogar noch importiert worden ist, ebenfalls eher unwahrscheinlich ist. Unter den gehandelten Tierarten befanden sich Zibetmakis, Marderhunde und Nerze, aber auch Waschbären und Füchse waren darunter. Allesamt auf der Verdächtigtenliste von Zoonoseforschern. Die Studie von Zhou stellt weiter fest: »Keines der 17 Geschäfte wies ein Herkunfts- oder Quarantänezertifikat aus, sodass der gesamte Handel mit Wildtieren grundsätzlich illegal war.« Zhous Studie bewog Evolutionsbiologe Worobey, von der Laborthese abzurücken. Fast 50’000 verkaufte Tiere bedeutet mehrere Tausend verkaufte, potentielle Zwischenwirte. Aber auch die Händler und Züchter, die mitunter von weit her anreisen, hätten das Virus nach Wuhan bringen können. Und möglich auch, dass das Virus dabei schon mehrmals zwischen Tier und Mensch hin und her gesprungen ist und sich entsprechend verändert hat (bei Nerztierfarmen in den Niederlanden und Dänemark wurde festgestellt, dass die Tiere von den Menschen angesteckt wurden).

So rücken immer klarer Wild- und Zuchttiere, deren Züchter, Händler und die Tierpelz-Farmen in den Mittelpunkt. Diese müssten noch genauer untersucht werden können. Cohen verweist auf einen interessanten verstärkenden Effekt: Eine 2019 in China grassierende Afrikanische Schweinegrippe hatte zur Folge, dass massenweise Schweine gekeult wurden. Das führte zu hohen Schweinefleischpreisen. Was wiederum die Leute dazu bewog, auf andere Fleischsorten, wie beispielsweise die erwähnten Wildtiere, auszuweichen.

Science-Brief-Verfasser Bloom will gerne mehr Material aus der Anfangsphase zu den Coronavirensequenzen aus dem WIV. Das Institut hat jedoch den Zugang zu den Unterlagen gesperrt, offiziell mit der Begründung, die Internetseite sei gehackt worden. Zudem hülfe eine detailliertere Verkaufsliste von den Märkten in Wuhan. Die WHO kündigte die Bildung einer wissenschaftlichen Beratergruppe für die Ursprünge neuartiger Krankheitserreger an (SAGO). Bei allen Wünschen und Vorhaben ist man auf den Goodwill Chinas angewiesen. Davon ist leider nichts bemerkbar. Im Gegenteil.

Unterdessen wird auch in China weitergeforscht. Aber es dringen nur wenige Resultate nach außen. Ein anonymer westlicher Forscher sagt: »Leider wird es von Tag zu Tag schwieriger, herauszufinden, was getan wird, weil die Labor-Hypothese die Herkunft von Covid zu einem politischen Thema gemacht hat… Meine Kollegen in China sind nervös und verspüren großen Druck.«

Die chinesischen Behörden verbreiten ihrerseits wilde Spekulationen, beispielsweise dass das Virus in einem US-amerikanischen Militärlabor zusammengebaut wurde und das es von Sportlern, die an den internationalen Militärsportspielen im Herbst 2019 in Wuhan teilnahmen, nach China eingeschleppt worden ist. Worobey meint: »Ich glaube, sie haben irgendwann gedacht, das ist die Strategie: Wir versuchen das Wasser zu trüben.«

So verlagert sich die Forschung immer mehr ins chinesische Ausland. Fledertiere kümmern sich weder um Landesgrenzen noch um ideologische Eigenheiten. Zwischenwirte ebenfalls nicht. Man ist sogar schon fündig geworden. Zum Beispiel in Laos.

Das Schlusswort gehört dem Evolutionsbiologen William Hanage von der Harvard University: »Die Menschen suchen nach einer Geschichte. Sie wollen, dass Columbo auftaucht und jemanden dazu bringt, zu gestehen oder zu zeigen, was wirklich passiert ist.« Es gibt aber nur »mögliche Geschichten«. Wahrscheinlichere und weniger wahrscheinlichere. Die letzten Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Ursprung natürlicher Art ist und kaum in einem Labor in Wuhan zu finden ist.

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Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)