Heidi Kastner über Dummheit

Die Neurologin und Gerichtspsychiaterin Heide Kastner spricht Klartext.
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Heidi Kastner hat einen kleinen Bestseller über Dummheit geschrieben. Das Wort Eigenverantwortung findet sie blöd. Und die Corona-Pandemie sei unglaublich ergiebig für ihr Thema. Interview in der SZ, 20./21. November 2021
Es wird eng. Und: Dumme müssen sich warm anziehen.

SZ: »Dumm ist nicht eine Frage des IQ, es geht nicht um rechnen können oder Fremdsprachen beherrschen, schreiben sie. Ist ›dumm‹ eine Einstellung?«

Kastner: »Es ist eine Tendenz, Fakten zu ignorieren. Und im Sinne des kurzfristigen, unmittelbaren und scheinbaren Vorteils langfristig negative Folgen für sich selbst und andere zu ignorieren. Dumme Menschen verstehen sich nicht als Teil eines Gefüges, für sie kommen die eigenen Belange an erster Stelle.«

»Ist Donald Trump dumm?«

»Nein, er ist das, was der Wirtschaftshistoriker Carlo Maria Cipolla einen Banditen oder Verbrecher nennen würde. Trump hat die Situation stringent analysiert und daraus Schlussfolgerungen gezogen, dass er mit einer gewissen Taktik höchstwahrscheinlich erfolgreich sein wird. Diese Taktik hat er dann effizient angewandt… Intelligenz muss nicht zwingend mit Moral verbunden sein. Trump hat wohl auch zum Schaden anderer konsequent im Sinne des eigenen Vorteils gehandelt.«

Gegen Dummheit scheint kein Kraut gewachsen zu sein: »Man muss Dummheit als Fakt anerkennen. Und sie immer einkalkulieren… Das zentrale Merkmal von dummen Leuten ist, dass sie ausschließlich die eigene Position priorisieren und alles andere ignorieren. Das sieht man auch in dieser ganzen Corona-Pandemie, wo die Leute sagen: ›Ich bleibe ganz bei mir.‹«

»Wie meinen Sie das?«

»Da ist ständig von Eigenverantwortung die Rede. Was, bitte, heißt denn das?«

»Sagen Sie es uns.«

»Es heißt, ich schaue nur für mich selbst und nicht für die anderen. Das kann nur funktionieren, wenn ich als Eremit irgendwo völlig isoliert in einer Höhle lebe… Sobald ich in einem größeren sozialen Kontext eingebettet bin, ist dieses Unwort Eigenverantwortung einfach ein völliger Blödsinn. Die Corona-Pandemie ist unglaublich ergiebig für das Thema  Dummheit.«

Impfskeptiker kann Kastner nicht verstehen, vor allem jene, die in der ganzen Welt herumreisen und sich offenbar bedenkenlos impfen lassen, beispielsweise gegen Hepatitis-B, dessen Impfstoff im Verhältnis zur Corona-Impfung an einem Bruchteil von Leuten getestet wurde: »Kein Mensch, der jetzt herumweint und gegen die Corona-Impfung wettert, hat sich kundig gemacht, auf welchen wissenschaftlichen Grundlagen die übrigen Impfungen beruhen, die er längst bekommen hat.«

Solche Aussagen vergrößerten jedoch den Graben, man könnte nicht mehr miteinander reden, wendet die SZ ein.

»Das muss man ja auch nicht. Dialogbereitschaft ist zwar prinzipiell zu befürworten und eine gute Sache. Allerdings nur, wenn sie auf beiden Seiten vorhanden ist. Alles andere benennt man besser als das, was es ist, nämlich eine zweckbefreite und absehbar ergebnislose Kombination zweier Monologe, und spart sich Mühe, Ärger und Zeit, mit Menschen zu diskutieren, die das Recht auf eine eigene Meinung mit dem Recht auf eigene Fakten verwechseln… Die Regierung muss einfach entscheiden – und zwar auf Basis der aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse.«

»Kann man nicht auch jene als dumm bezeichnen, die der Wissenschaft glauben, deren Erkenntnisse jeweils so lange gültig sind, bis das Gegenteil bewiesen ist?«

»Nein, der Wissenschaft zu glauben, ist nicht dumm. Sie ist immer in Bewegung. Der aktuelle Stand der Forschung ist jeweils der bestmögliche Informationsstand, unterliegt aber laufend weiteren Veränderungen, weil Wissenschaft ja immer neue Erkenntnisse gewinnt. Wissenschaft bedingt immer, dass die Dinge im Fluss sind und sich Positionen verändern.«

Auf den Vertrauensverlust der Wissenschaft angesprochen sagt Kastner: »… Es gibt keine alternativen Fakten. Es gibt Fakten und blöde Positionen, die die Fakten ignorieren… Mittlerweile ist es salonfähig geworden, zu sagen, Experten seien verlogen. Es gibt eine zunehmende Bereitschaft, Verschwörungstheorien anzuhängen… Die zunehmende Komplexität der Welt hat diese Bereitschaft sicher verstärkt. Verschwörungstheorien sind umso attraktiver, je allumfassender sie sind und ein Welterklärungsmodell liefern. Dieses Expertenmisstrauen und das Gerede vom postfaktischen Zeitalter oder von alternativen Fakten schafft eine Grundstimmung, die dazu führt, dass sich die Leute eine eigene Position schnitzen auf Basis irgendwelcher abstruser Ideen und Faktenfreiheit mit Meinungsfreiheit verwechseln… Man darf den dummen Leuten nicht zu viel Raum und vor allem nicht zu viel Macht geben, sonst kann es gefährlich werden… Wenn sie anderen schaden, ist das ein Thema, das man nicht mehr einfach völlig cool und gelassen hinnehmen kann… Dummheit hat Hochkonjunktur! Es erstaunt mich, in wie vielen Bereichen sich Menschen Wissen und Fähigkeiten zuschreiben, die sie gar nicht haben. Wenn die Waschmaschine kaputt ist, holt man sich mit großer Wahrscheinlichkeit einen Fachmann. Aber bei deutlich komplexeren Themen sprudeln Leute nur so von Gewissheiten. Eine beliebte Spielwiese ist die Medizin, wo es heute von selbsternannten Fachleuten nur so wimmelt. Da werden gänzlich kenntnisfreie, ›gefühlte‹ Empfehlungen an den Mann und die Frau gebracht. Der Schriftsteller Charles Bukowski soll es so formuliert haben: ›Das Problem ist, dass intelligente Menschen voller Zweifel sind, während die dummen voller Vertrauen sind.‹ Die Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Wann haben Sie zum letzten Mal von irgendwem gehört: ›Das weiß ich nicht.‹…«

Im Weiteren sagt Kastner noch, es gebe Situationen, in denen man sich intuitiv verhalten könne, beispielsweise ob man jemanden sympathisch findet oder nicht. Aber gehe es um die Bewertung von Fakten, solle man die Intuition besser außen vor lassen.

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Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)