Emma Hodcroft über Mutationen

Interviewpassagen mit der Virologin Emma Hodcroft, Professorin für Genomische Epidemiologie an der Universität Bern
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Epidemiologin Emma Hodcroft in der NZZaS vom 27. Dezember 2020: »Wenn Viren weniger virulent werden, hat das meist mehr mit unserer Immunität zu tun als mit der Veränderung des Virus. Es ist definitiv keine Selbstverständlichkeit, dass Viren weniger gefährlich werden.«
Gregory Spiegelteleskop (ETH-Bibliothek)

»In der Schweiz sequenzieren wir etwa 100 Proben pro Woche. Es ist also nur ein sehr kleiner Bruchteil der Gesamtfälle. Die Tatsache, dass wir die neue Variante (Alpha-Variante. a.s.) entdeckt haben, bedeutet höchstwahrscheinlich, dass es hier bereits vorhanden war… Angesichts der engen Verbindungen, die wir mit Großbritannien haben, überrascht mich das nicht. Wir hoffen aber, dass die Zahl der Fälle noch gering ist und wir die Übertragung vielleicht eindämmen können… Impfstoffe funktionieren so, dass sie dem Körper eine Art Bild des Virus zeigen, so dass das Immunsystem später Teile des Virus erkennen kann. Selbst wenn sich das Virus verändert – so wie jetzt –, sollte es vom Körper also weiterhin erkannt werden (Allgemein über Mutanten). Deswegen hoffen wir, dass das Vakzin nach wie vor funktioniert. Das Problem könnte allerdings sein, dass die Erkennung etwas weniger gut ist und der Impfstoff an Wirkung verliert… Wenn Viren weniger virulent werden, hat das meist mehr mit unserer Immunität zu tun als mit der Veränderung des Virus. Es ist definitiv keine Selbstverständlichkeit, dass Viren weniger gefährlich werden. HIV ist nicht weniger gefährlich geworden. Ebola auch nicht. Das würde nur passieren, wenn es einen entsprechenden Selektionsdruck auf das Virus gäbe (Volker Thiel über die dritte Welle). Aber SARS-CoV-2 ist mit seiner Strategie außerordentlich erfolgreich: Die meisten Menschen sterben nicht, landen nicht im Spital und sie übertragen das Virus, bevor sie Symptome haben. Warum sollte sich das Virus also ändern?… Unsere Modelle zeigten, dass es in der kalten Jahreszeit zu einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen kommen würde. Wir haben im März publiziert und deutlich vor diesem saisonalen Effekt gewarnt… Aber leider sind wir in den Herbst gegangen, ohne einen echten Plan zu haben… Fast alle (Saaten) haben gezögert…« (Wissen vor der zweiten Welle)

NZZaS: Blick zurück an die Anfänge.

»… Wir wussten anfangs nicht, dass wir ein Virus ohne jedes Krankheitssymptom weitergeben können. Das konnten wir nicht wissen, aber es ist der Grund, warum die Eindämmung der Pandemie so schwierig ist… Wenn wir mit den ersten Meldungen aus Asien sofort die Grenzen geschlossen hätten, wären alle durchgedreht… «

NZZaS: Zu einer italienischen Studie mit Lungenpatienten, die besagt, man habe Antikörper gefunden bei Patienten, die vom Oktober 2019 stammen:

Hodcroft ist skeptisch: »… Bei einem Teil der Probanden fand man Antikörper, die gegen SARS-CoV-2 aktiv waren. Antikörper sind allerdings nie perfekt, sie reagieren nur auf einen einzigen Erreger… Vermutlich reagierten die Antikörper, die gegen saisonale Coronaviren gebildet wurden, auch gegen SARS-CoV-2. Was ebenfalls gegen ein frühes Auftreten spricht: Wir wissen, dass SARS-CoV-2 kein stilles Virus ist. Immer wenn es auftaucht, erkranken die Menschen… Wenn es also bereits im Oktober hier gewesen wäre, hätten wir das mit Sicherheit gemerkt.«

NZZaS: Und heute?

»Michael Ryan von der Weltgesundheitsorganisation hat im März etwas Treffendes gesagt: In der Pandemie kann man nicht auf die perfekte Information warten (Paul Collier über unbekannte Unbekannte). Manchmal muss man sagen: Wir wissen es nicht genau, aber wir müssen jetzt etwas tun, denn bis wir es wissen, wird es viel schlimmer sein… Wir befinden uns momentan in diesem sehr schwierigen Graubereich…«

NZZaS: »In der Corona-Debatte reden hier viele Frauen mit: Isabella Eckerle, Tanja Stadler, Nicola Low, Sie… es gibt fast keine Schweizerinnen.«

»Ja, das ist merkwürdig. Vielleicht liegt es daran, dass die akademische Welt hierzulande den Ruf hat, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nicht besonders frauenfreundlich zu sein… Zum Glück gibt es jetzt viele Bestrebungen, diese Benachteiligungen zu korrigieren…«

NZZaS stellt fest, dass viele Epidemiologen viel twittern.

»Das liegt wohl daran, dass wir uns seit fast einem Jahr nur noch mit einem Thema befassen: mit SARS-CoV-2. Es dominiert unser Denken jede Minute… Ich denke nie nicht an die Pandemie. Alle Kollegen, die ich kenne, arbeiten zurzeit härter als jemals zuvor… Twittern wurde in der Pandemie zu einem beruflichen Werkzeug, weil es der schnellste Weg ist, Informationen zu verbreiten…«

NZZaS: Was werden Sie an ihrem neuen Arbeitsort in Bern tun? (Emma Hodcroft wechselt an die Universität Bern zu Christian Althaus.)

»Wir werden versuchen, die Daten des Virenstammbaums mit epidemiologischen Modellen zu verknüpfen und den Fokus dabei auf die Schweiz legen… Wir würden gerne anhand der Proben, die wir haben, Aussagen für die ganze Bevölkerung machen können. Das ist jetzt frei erfunden, aber sagen wir, wir finden eine neue Variante in Basel. Einige Viren breiten sich nach Bern aus, einige nach Zürich. Können wir die Ausbreitung mit demographischen Daten erklären? Wie viele Reisen finden zwischen zwei Orten statt, wie ist die Altersstruktur, welche Effekte haben Feiertage? Es geht also darum, die Dynamik der Pandemie besser zu verstehen. Es wird sicher sehr spannend.«

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Virus

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)