Die zweite Welle ist da

Fachleute melden sich zu Wort
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Zum Stand des Geschehens Ende Oktober/Anfang November 2020: Ein Epidemiologe und eine Virologin twittern, die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin veröffentlicht Zahlen: Es sieht nicht gut aus für die Schweiz.
»Wir sind gegenwärtig in einer Situation, in der es stärker nach Brand riecht.« (Dirk Brockmann) Im Bild: Oerlikon, Grossbrand Wärme AG, 1979 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv; Fotograf: Elser, Comet)

Kurzer Zwischenstand am 21. Oktober 2020 in der Schweiz, Twitterkommentare und ein Schwellbrand

Wir erinnern uns: Am 3. Oktober 2020 hat der Infektiologe Andreas Widmer gesagt, dass wir die Situation im Griff hätten. Er warnte aber auch davor, sich in falscher Sicherheit zu wähnen. Einmal mehr haben die Fachleute recht behalten (zum Stand des Wissens vor der zweiten Welle):
Stand 21. Oktober 2020 gemäß BAG und SRF:
Neu bestätigte Fälle: 5596
Hospitalisierungen neu: 119
Hospitalisierungen insgesamt: 1007, Zunahme 118% zur Vorwoche
Auslastung der Intensivstationen (insgesamt, nicht nur Covid-19): 66%
Todesfälle neu: 11
Durchgeführte Tests: 28’328
Positivrate: 19,7%, 7-Tageschnitt: 15,5%
R-Wert zurückgerechnet auf den 9. Oktober: 1,56
Personen in Isolation 11’824
Personen in Quarantäne: 16’368
Personen in Quarantäne nach Einreise aus dem Ausland: 13’941

Zwei Stimmen dazu über Twitter:

Christian Althaus, Epidemiologe an der Universität Bern: »Wir befinden uns heute ziemlich genau in derselben Situation wie beim ‘Lockdown’ vom 16. März. Höchste Zeit also, endlich Maßnahmen einzuleiten, um einen solchen zu verhindern.«

Isabella Eckerle, Virologin und Leiterin der Abteilung Infektionskrankheiten an der Genfer Universitätsklinik verliert langsam die Geduld und twittert sarkastisch: »Hätten uns doch Virologen und Epidemiologen im Sommer und Frühherbst gewarnt, dann hätten wir uns vorbereiten können. Aber das ist völlig unerwartet! Vor ein paar Wochen waren die Betten auf der Intensivstation noch leer, wie ist das möglich? Ironie off: Entschuldigung für den sarkastischen Tweet, maximale Frustration hier.« Eckerle bestätigt zudem in einem Retweet, dass die Genfer Universitätsklinik auf den Krisenmodus umgestellt hat. In nur fünf Tagen hat sich die Anzahl Covid-19-Patienten auf 169 verdoppelt, davon sind 20 auf der Intensivstation. Die Genfer Virologin mahnt schon seit Wochen, dass wir es sind, die die zweite Welle auslösen. Sie zitiert den Physiker Dirk Brockmann vom Institut für Theoretische Biologie an der Humboldt-Universität in Berlin, der am 23. September in der FAZ sagte: »Wir sind jetzt sechs Monate schon in einer Art Schwellbrand. Die Fallzahlen bleiben seit drei Monaten im Wesentlichen konstant, aber sie verschwinden auch nicht.«

Ferner sagt Brockmann im gleichen Interview: »Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Haus, haben gerade einen Brand gelöscht und neunzig Prozent der Einrichtung wurde gerettet, aber Sie wissen jetzt, dass es seit sechs Monaten kokelt. Sie riechen es, und es hört nicht auf. Wir sind gegenwärtig in einer Situation, in der es stärker nach Brand riecht. Und wir wissen im Grunde, dass es nur ein bisschen in eine Richtung kippen muss, damit das Feuer wieder losgeht.« Perkolation

17. November 2020Stellungnahme der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin

»Die 876 von der SGI zertifizierten und anerkannten Intensivbetten, die in der Schweiz normalerweise zur Behandlung Erwachsener zur Verfügung stehen, sind aktuell praktisch vollständig belegt.

Eine Überlastung dieser ordentlichen Bettenkapazitäten konnte bisher zum einen vor allem deshalb verhindert werden, weil vielerorts nicht dringende Eingriffe und Behandlungen verschoben wurden. Zum anderen hat eine Erhöhung der Bettenkapazitäten durch die ohnehin bereits übermäßig stark geforderten Teams der Intensivstationen dazu beigetragen, dass die Intensivstationen aktuell nicht schweizweit überlastet sind.

Die schweizerischen Intensivstationen sind an der Grenze ihrer ordentlichen Bettenkapazitäten, tun aber ihr Möglichstes, um diesen im Vergleich zur ersten COVID-19- Welle erhöhten Zustrom an kritisch kranken Patientinnen und Patienten zu bewältigen und auch künftig alle kritisch kranken Patientinnen und Patienten versorgen zu können…
In den vergangenen Tagen wurden mehrere kritisch kranke Patientinnen und Patienten aufgrund mangelnder intensivmedizinischer Ressourcen in andere Kantone oder sogar Sprachregionen verlegt. Diese Verlegungen aus der eigenen Wohnregion sind für die betroffenen Patientinnen und Patienten und für ihre Angehörigen eine grosse Belastung. Nationale Verlegungen sind jedoch notwendig, um allen kritisch kranken Patientinnen und Patienten in der Schweiz die bestmögliche intensivmedizinische Behandlung zu ermöglichen…«

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Virus

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)

Dieses Bild des Schwellbrands beschreibt sehr treffend die sogenannte Perkolation. Der Begriff  stammt aus der Physik und wurde in die Epidemiologie eingeführt. Perkolation bezeichnet den Zustand, in dem das Virus geographisch unbegrenzt durch die ganze Gesellschaft sickert, langsam und lange Zeit unbemerkt – bis zu einem Wendepunkt, an dem es überall auftaucht. So waren etwa in Italien im Frühjahr 2020 vor allem die Regionen im Norden stark betroffen (Lombardei, Venetien, Piemont), im Herbst haben sich die Zahlen aller Regionen angeglichen. Dasselbe gilt für die Schweiz. Z.B. Appenzell oder Glarus.