Die Bedeutung von Berührungen

Ein Gespräch mit der Psychologin Beate Ditzen
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»Wer jetzt emotional und finanziell abgesichert ist, wird sich unter Corona noch sicherer fühlen. Und umgekehrt: Wer zuvor schon keine Grundsicherheit erlebt hat, für den wird es noch schlimmer.«
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Ein Ferngespräch mit der Medizinpsychologin Beate Ditzen, Die Zeit

Elisabeth von Thadden führt ein Videogespräch mit der Psychologin Beate Ditzen. Ditzen hat sich vor allem mit der Bedeutung von Berührungen zwischen den Menschen auseinandergesetzt. Sie hat beispielsweise nachweisen und begründen können, weshalb eine Berührung Sicherheit vermitteln kann: Weil man sich eingebunden fühlt und weniger Angst zeigt. Anhand von funktionellen Magnetresonanztomografien konnten positive Effekte von Berührungen, aber auch etwa gestörte Mutter-Kind-Beziehungen messbar gemacht werden. Laut von Tadden ist dieses Gerät eine Gefühlsvermessungsstation. In Zeiten der Pandemie stellt der körperliche Kontakt allerdings eine Übertretung dar (Vgl. Manfred Schneider über Nähe und Kontakt sowie Koschorske über Distanz). Aber auch die physische Präsenz beziehungsweise die fehlende physische Präsenz, wie sie in einem Videogespräch zutage tritt, schränkt eine Begegnung ein.

Ditzen sagt zu von Thadden: »Was uns fehlt, ist der gesamtkörperliche Eindruck eines Menschen, den wir voneinander hätten, wenn Sie wirklich in Heidelberg auf Besuch am Institut wären. Wirkt die andere müde? Aufgeregt? Satt? Routiniert? Die körperliche Anwesenheit gibt da eine größere Gewissheit… Das allgemeine Abstandsgebot verschiebt die Effekte ins Private. Nur für Personen, die im selben Haushalt leben, ist Berührung aktuell möglich. Noch kann ich vieles nur hypothetisch sagen, aber ich vermute: Angenehme Effekte der gegenseitigen Stressregulation zu Hause nehmen zu, unangenehme und bedrohliche ebenso. Weil wir private und öffentliche Räume noch auf einige Zeit stark trennen müssen, ist auch die Berührung aufs Private zurückgeworfen, und die Macht der Beziehungen wird dadurch intensiviert, bis hin zur Gewalt. Andererseits zeigt sich wahrscheinlich: Für Einsame ist die Bedrohung des Virus jetzt besonders belastend. Einsamkeit steigert grundsätzlich die Wahrnehmung von Stress und Angst. Nun fällt der stresspuffernde Effekt sozialer Nähe für die, die allein sind, weg… Ich nehme an: Wer jetzt emotional und finanziell abgesichert ist, wird sich unter Corona noch sicherer fühlen. Und umgekehrt: Wer zuvor schon keine Grundsicherheit erlebt hat, für den wird es noch schlimmer.«

Von Tadden fragt, ob nicht eine Studie gezeigt habe, dass sich unser Gefühl nach Sicherheit auch am Akkustand des Handys ablesen lässt, das hätten Studien gezeigt. Ditzen: »Der Akku ist ein Vehikel sozialer Einbindung. Der leere Akku symbolisiert die Gefahr, ganz allein zu sein. Und sozialer Ausschluss wirkt sich extrem stresssteigernd aus.« Und wie sieht die Zukunft der Gesellschaft aus? »Mir fällt es schwer, mir diese Gesellschaft vorzustellen. Sie wird es nicht leicht haben. Wir kennen alle die Geselligkeit als stimulierend, als aktivierend. Jetzt müssen wir gesellige Nähe aus Gesundheitsgründen scheuen. Das geht gegen die Natur. Wie werden wir Menschen neu kennenlernen? Wie werden sich Paare bilden, wenn zum Beispiel der Geruch keine Rolle spielt und beiläufige Berührung nicht möglich ist? Wen werden wir attraktiv finden? Bisher, weiß die Forschung, wirken auf uns jene Menschen anziehend, die uns gesund vorkommen. Steigert Social Distancing die Spannung und verstärkt die Anziehung?

Wissenschaftlich gesichert ist auch, dass es wohltuend wirkt, andere zu unterstützen, sich um andere zu kümmern, selbst zu berühren. Fürsorge senkt Stress. Erzwungener Abstand ist anstrengend für das soziale Wesen, das wir sind. Diese Ambivalenzen zu durchdenken, ist nicht leicht zu ertragen. Denn wir suchen ja Nähe zueinander. Wir können nicht anders… Überindividuelle Regeln können hilfreich sein. Sie einzuhalten, unabhängig davon, ob wir jemanden für gefährlich einschätzen, kann entlasten. Die Maske tragen zu müssen, kann uns von ständiger individueller Gefahreneinschätzung entbinden. Sie kann helfen, das Zurückweichen des anderen nicht zu spüren zu bekommen.« Und dann ist der Akku von Beate Ditzen leer. Das Gespräch endet.

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Virus

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)