Christian Drosten über das Änderungspotenzial des Sars-CoV-2

Das Problem der Impflücke
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Wenn die Impflücke nicht so groß wäre, wäre es gar nicht so abwegig, wenn Omikron die Bevölkerung natürlich immunisieren würde. Theoretisch! Auszüge aus einem Interview mit dem Virologen Christian Drosten im Tagesspiegel vom 18. Januar 2022
Alpha und Delta: straßentaugliche Limousine
Omikron: geländegängiger Pick-Up

Der Virologe Christian Drosten wusste schon im Januar 2020, dass etwas Größeres auf uns zukommt:

Christian Drosten: »Mitte Januar zeichnete sich auf Basis der Daten schon ab, dass es ernst wird. Man wusste, dass die Fallzahlen in China rasch steigen, vor allem beim Krankenhauspersonal – was immer ein erster Indikator ist, ob ein Virus von Mensch zu Mensch gut übertragbar ist. Meine Einschätzung war, dass das ein schwer pathogenes Virus ist, dass es sich wie Sars-1 in erster Linie tief in der Lunge vermehrt und daher nicht so ansteckend ist. Dann kam die Webasto-Kohorte, die ersten Infektionsfälle in Deutschland beim Münchner Autozulieferer, und es wurde schnell klar: Die Patienten haben fast alle einen milden Verlauf, einige asymptomatisch. Aber die Messung der Viruslast und RNA-Transkription bei den Patienten zeigte, dass das Virus sich aktiv im oberen Rachenraum vermehren kann. Das war eine Überraschung… Zu sagen, dass Viren nunmal mutieren, ist ein Allgemeinplatz. Die Frage ist, ob man davon eine quantitative Vorstellung hat. Und da ist es eben so, dass kein heute lebender Virologe Erfahrung dazu hat, wie sich ein völlig neues Virus im Menschen etabliert… (Sars-Cov-2) ist ein völlig neues Virus für die Bevölkerung… Die außerordentlich starke Zunahme der Übertragbarkeit bei Alpha, Delta und Omikron spricht schlicht gegen bisherige Erfahrungen… Alpha und Delta waren Fitness-Sprünge. Das Virus hat sich besser an den Menschen angepasst und seine Übertragung optimiert. Das war überraschend, weil das Virus im Frühjahr 2020 ja schon mit einer guten Übertragbarkeit begonnen hatte, die sich 2020 kaum veränderte. Erst kurz vor Weihnachten 2020 kamen Signale aus England, dass Alpha eine Fitness-Erhöhung zeigt. Omikron hingegen ist eine Immunflucht-Variante, die dem Schutz durch Impfung oder Infektion mit anderen Sars-CoV-2-Varianten ein Stück weit ausweicht Autovergleich. Das ist eine Reaktion auf die sich entwickelnde Bevölkerungsimmunität. Ich habe schon damit gerechnet, dass das irgendwann passiert, aber nicht so früh… Sobald größere Teile einer Bevölkerung immun werden, gerät das Virus unter Druck. Es muss reagieren – durch eine Immunflucht-Variante. In Südafrika oder auch in anderen Ländern im südlichen Afrika ist die Bevölkerung schon sehr stark durchinfiziert. In so einer Population haben dann Virusvarianten einen Selektionsvorteil, die diese Immunität umgehen können…«

»Das Änderungspotenzial von Sars-CoV-2 ist grundsätzlich begrenzt. Das Virus kann nicht das Spike-Protein strukturell so stark verändern, dass es gar nicht mehr wiederzuerkennen ist. Also gibt es einen gewissen, begrenzten Mutationsspielraum, den das Virus benutzen kann. Aber das ist keine Halle, sondern eher ein Haus mit vielen Zimmern und manchmal kann eine Mutation eine Tür in einen neuen Raum öffnen, in dem das Virus dann neu experimentieren kann. So kommt es zu gewissen Mutationssprüngen… und so ein Sprung ist jetzt mit Omikron passiert.«

»Das wird in Zukunft weiter passieren, alle paar Jahre oder jetzt, zu Beginn der Pandemie, vielleicht auch öfter… Für die weitere Zukunft erwarte ich, dass das zur Ruhe kommen wird – weil es bei allen vier zirkulierenden Erkältungs-Coronaviren auch passiert ist. Aber das ist eine evolutionsbiologische Antwort.«

»Die relevante Frage, die alle interessiert, lautet ja: Wie lange geht diese Quälerei noch weiter mit der Pandemie? Und darauf kann ich viel besser antworten. Denn anders als der schwer abschätzbare Mutationsraum entwickelt sich die Bevölkerungsimmunität bei Erwachsenen in eine klare Richtung: Die Bevölkerung baut Immunität auf und behält die auch. Und in diesem Prozess sind wir jetzt drin. Es gibt ein paar Länder, die sind schon am Ende damit, etwa Südafrika oder Indien, wo es sehr viel Virus-Zirkulation gab, allerdings auch zum hohen Preis sehr vieler Todesfälle… (In Deutschland) müssen wir das über die Impfung machen. Über natürliche Infektionen würden viel zu viele Menschen sterben… Wir müssen den Weg zu Ende gehen, damit wir im Laufe des Jahres 2022 in die endemische Phase kommen und den pandemischen Zustand für beendet erklären können.«

Zunächst müssen wir uns und vor allem die Risikogruppen noch mit den jetzt gültigen Maßnahmen schützen. Und wir würden vermutlich früher oder später mit Sars-CoV-2 infiziert werden: »Wir müssen in dieses Fahrwasser rein, es gibt keine Alternative. Es hat sich ja irgendwann die Idee formiert, dass man Sars-CoV-2 komplett unter Kontrolle halten könne und müsse. Aber das ist nicht realisierbar. Das bedeutet aber nicht, dass diejenigen Recht hatten, die Sars-CoV-2 für harmlos halten und ungehemmt durch die Bevölkerung rauschen lassen wollen, die Durchseuchungsanhänger. Beides laienhafte Vorstellungen, die nicht tragbar sind. Wir können nicht auf Dauer alle paar Monate über eine Booster-Impfung den Immunschutz der ganzen Bevölkerung erhalten. Das muss das Virus machen. Das Virus muss sich verbreiten, aber eben auf Basis eines in der breiten Bevölkerung verankerten Impfschutzes. Die abgeschwächte Infektion auf dem Boden der Impfung, das ist so etwas wie der fahrende Zug, auf den man aufspringt. Irgendwann muss man da aber auch mal drauf springen, sonst kommt man nie weiter. Die gute Nachricht ist: Im Moment fährt der Zug angenehm langsam, denn Omikron hat eine verringerte Krankheitsschwere.«

Jetzt wäre die Chance, den endemischen Zustand zu erreichen, »zumal niemand ausschließen kann, dass der Zug wieder schneller wird und wir dann nicht mehr so leicht draufkommen, beispielsweise weil das Virus rekombiniert und eine Variante mit einer Immunflucht-Fähigkeit wie bei Omikron und gleichzeitig erhöhter Krankheitsschwere wie bei Delta entsteht. (Wenn die Bevölkerungsimmunität weiter aufgebaut ist), wäre selbst ein nochmals verändertes Virus keine Katastrophe mehr. Nur ist das Erhalten der Bevölkerungsimmunität nicht dasselbe wie das Aufbauen der Immunität…« Also: Aufbauen durch Impfung, Erhalten durch Virus.

Drosten gibt keinen Ratschlag, ob eine Impfpflicht eingeführt werden muss, das ist Sache der Politik. Aber es gibt viele gute und wissenschaftlich belegte Gründe, die Impflücke zu schließen und die Viruszirkulation einzuschränken, damit die Risikogruppen bestmöglich geschützt sind. Die Ungeschützten haben das Ursprungsrisiko eines schweren Krankheitsverlaufs, wenn auch mit Omikron etwas reduziert (etwa um einen Viertel).

Denkbar ist auch, dass die Krankheitsschwere mit weiteren Varianten abnimmt. Aber das ist nicht sicher: »Also wenn jemand meint, das Infektions- und Erkrankungsrisiko könne er ja wohl für sich selbst verantworten, dann muss man sagen: Nein, das geht nicht, weil noch so viele krank werden, dass das über die Betten-Konkurrenz auch andere Kranke betrifft. Weil die Betten knapp sind, ist es eben nicht nur Eigenverantwortung. Und da muss die Politik handeln und regulieren… Ich kann den Menschen im Hinblick auf die Risikobewertung einer Impfung nur immer wieder nahelegen: Es ist Impfung versus Virus, nicht Impfung versus keine Impfung. Das ist die Risikoabwägung. Und da kann ich als Virologe sagen, dass man bei der Impfung einfach besser wegkommt…« Mit den breit getesteten und unterdessen bewährten mRNA- und Vektor-Impfstoffen komme man der natürlichen Immunität am nächsten. Sie aktivieren die zelluläre Immunreaktion. Das können Protein- und Totimpfstoffe nicht.

Wie kann man sich gegen neue Pandemien wappnen?

»Klar ist etwa, dass, wenn wir immer stärker in ursprüngliche natürliche Lebensräume eindringen, wir zwangsläufig auch in Kontakt mit neuen Tierarten kommen. Und dann können Viren überspringen. Natürlich müsste man also eigentlich in weiten Teilen Afrikas ständig alle möglichen Hotspots testen. Aber das ist nicht machbar und es gibt keinerlei belastbare Hinweise darauf, dass ein solches Konzept je zum Erfolg geführt hätte… Ich denke, Früherkennung wird auch zukünftig mit dem Erkennen von symptomatischen, übertragbaren Erkrankungen beim Menschen beginnen…«

Nach der ersten Sars-Epidemie 2002/2003 hätte man bei der Nachbearbeitung etwas konsequenter über Impfstoffe forschen können, vielleicht wäre man dann noch schneller gewesen. Die jetzige Pandemie müsste in einigen Ländern eine Entwicklung in Richtung Datendurchgängigkeit anstossen: »Wir müssen den beiden Ländern (Dänemark und England, a.s.), und auch Israel, irgendwann einmal ein ganz großes Dankeschön aussprechen, dass wir unsere ganze Pandemie-Politik an deren Daten ausrichten konnten.«

Virologisch nachbearbeitet werden muss die Vermutung, dass das Sars-Virus nicht nur über die bekannten ACE-Rezeptoren, sondern auch über ein weiteres Rezeptormolekül in die Zelle gelangen kann. Weiter braucht es eine Lebendimpfung mit einem abgeschwächten Virus oder einer modernen Variante davon. Das könnte den Übertragungsschutz verbessern. Klinische Studien (Phase 1 und 2) laufen schon, aber man findet immer weniger Ungeimpfte und Nicht-Infizierte, die mitmachen können.

Hätte man die Pandemie verhindern können?

»Ich denke, es ist einigermaßen berechtigt, davon auszugehen, dass diese Pandemie in Wuhan als menschliche Übertragungs-Kette entstanden ist. Hätte man in China den Lockdown zwei Wochen früher gemacht, hätte man das vielleicht noch unter Kontrolle bekommen. Da hätte aber auch viel Glück mitspielen müssen. Eigentlich glaube ich nicht, dass diese Pandemie aufzuhalten gewesen wäre. Und dass man in China überhaupt diesen Schritt gemacht hat, diesen Lockdown, dass man die Kühnheit besessen hat, zu überblicken, was da gerade kommt, ich kann dem nur applaudieren. Aus damaliger Perspektive war das extrem früh und vorausblickend. Es gibt keine Kritik zu üben. Man hat auf jeden Fall für die Welt Wochen an Zeit gewonnen. Das ist kein politisches Statement, nur eine technische Einschätzung…« in Deutschland sei die Krise einigermaßen gut gemeistert worden. In Schweden »gab es sehr viele Tote und immensen wirtschaftlichen Schaden.« Dank des Zusammenhalts der Bevölkerung und der Eigenverantwortung sei es nicht komplett gescheitert.

»Da gibt es auf der einen Seite die skandinavischen Länder. Mein persönlicher Eindruck ist, dass dort der soziale, gesellschaftliche Zusammenhalt stark ist. Das ist – wie gesagt aus meiner Sicht – bei uns schon ein Stück weit anders… In einer Ausnahmesituation wie jetzt macht es eben einen Unterschied, ob man als Einzelperson weitgehend auf sich gestellt ist, oder ob es ein breites soziales, gesellschaftliches Netz gibt. Und es gibt ein anderes Ende des Spektrums, etwa in manchen Ländern in Osteuropa, wo niemand der Regierung irgendetwas glaubt. In Deutschland liegen wir in diesem Spektrum wohl irgendwo zwischen diesen Enden.«

Es seien seitens der Wissenschaftler ein paar Kommunikationspannen geschehen, das müsse nachbearbeitet werden. Entsprechende Verbesserungen seien umzusetzen. Auch Wissenschaftler müssen zwischen der Meinungsäußerung und der Darlegung wissenschaftlicher Fakten klar unterscheiden.

Ein Leben wie vor der Pandemie wird es wieder geben. »Da bin ich mir komplett sicher.« Wenn auch ein paar Dinge bleiben, wie etwa, dass man in gewissen Situationen wieder Masken tragen müsse. Drosten hofft auf einen Schritt Richtung Digitalisierung, und dass das Homeoffice nicht wieder gänzlich verschwindet und die Geschäftsreiserei etwas eingedämmt wird. Schließlich habe die Pandemie die Medizin vorangebracht, Stichwort mRNA. Das könnten den Durchbruch gegen Krebs und Infektionskrankheiten bedeuten.

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Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)

Christian Droste liebt bildhafte Vergleiche. An einer Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Karl Lauterbach und dem RKI-Chef Lothar Wieler vom 14. Januar 2022 zeichnet er folgendes Bild: Die Alpha- und die Delta-Variante waren Fitness-Fortschritte des Sars-CoV-2-Virus. Vergleicht man das Alpha- oder Delta-Virus mit einem Auto, wäre der Motor schneller und kräftiger gegenüber dem Wildtypus geworden (zunehmende Krankheitsschwere). Wenn sich dieses Auto auf einer Sandpiste bewegen müsste, käme es aber nicht schneller vorwärts, trotz gutem Motor. Omikron hingegen hätte vielleicht den etwas langsameren Motor, wäre aber mit geländegängigen Reifen ausgestattet und könnte sich demnach viel schneller und wendiger bewegen (höhere Zirkulation). Dramatisch wäre die Gefährlichkeit der Deltavariante kombiniert mit der Zirkulationsstärke von Omikron.