Aus der Familiengeschichte: Ein wunderlicher Fund (8)

Teil 8: Machtkampf
Ruth klärt auf.

(Über den Link Adlerfibel können alle Folgen angeklickt werden.)

»Ahnenerbe«, »Reichsbund für Vorgeschichte« und »Amt Rosenberg«.

Huber kratzte seinen kahlen Schädel.

Er rief Ruth an, eine Freundin aus Jugendzeiten und Historikerin mit Schwerpunkt Nationalsozialismus. Huber fasste zusammen, was er herausgefunden hat und bat sie um nähere Informationen. Am nächsten Tag rief Ruth zurück.

Ruth: Ein Machtkampf. Es geht um den Einfluss auf die Geschichtswissenschaft und die Geschichtsschreibung während der Nazizeit.

Huber: Das heißt?

Ruth: Das Ahnenerbe und der Reichsbund für Vorgeschichte, der später ins Amt Rosenberg integriert wurde, verschrieben sich bis zum Zusammenbruch des Nazi-Regimes der Germanenforschung und der damit verbundenen Pflege des geistigen und kulturellen Erbes Deutschlands und der besetzten Gebiete. Der Reichsbund stand der NSDAP nahe, das Ahnenerbe der SS, Präsident war Heinrich Himmler. Vielleicht sagt Dir der Name Wolfram Sievers etwas. Er war der Geschäftsführer des Ahnenerbe.

Huber: Nein, sagt mir nichts.

Ruth: Sievers wurde am Nürnberger Ärzteprozess wegen seiner Verwicklungen in die Organisation von Menschenversuchen angeklagt und zum Tode verurteilt.

Huber: Verschon’ mich bitte mit solchen Geschichten.

Ruth: Du wolltest die Zusammenhänge wissen…

Huber: Okay, weiter.

Ruth: Das Ahnenerbe und der Reichsbund waren also bemüht, möglichst viel Einfluss auf die Disziplinen der Geisteswissenschaften, vor allem auf die Archäologie, die Vor- und die Frühgeschichte an den Universitäten zu gewinnen. Die beiden waren allerdings untereinander verfeindet. Eine zentrale Figur in diesem Streit war Hans Reinerth. Den mochte kaum jemand, auch nicht in den eigenen Reihen.

Huber: Wieso kennt man den Begriff Ahnenerbe, aber jenen des Reichsbund für Vorgeschichte nicht?

Ruth: Der Reichsbund war vergleichsweise harmlos, er wurde 1909 von völkischen Kreisen um den Prähistoriker Gustaf Kossinna gegründet. Bis 1933 hieß der Bund noch Gesellschaft für Deutsche Vorgeschichte. Im selben Jahr übernahm Reinerth die Leitung. 1939 schloss er sich dem Amt Rosenberg an, der nach dem NS-Chefideologen Alfred Rosenberg benannt ist, beziehungsweise er wurde angeschlossen… Das Ahnenerbe hingegen war mächtiger und gefährlicher und hatte etwa Menschenversuche zu verantworten, das lastet mehr. Und sorgt für größere Aufmerksamkeit.

Huber: Und was passierte mit Reinerth?

Ruth: Was genau seinen Einfluss angeht, bin ich überfragt. Er war Beauftragter für die Überwachung der weltanschaulichen Schulung in der NSDAP, gehörte später dem Einsatzstab Reichsführer Rosenberg an und leitete ab 1941 Grabungen im besetzten Griechenland. Das heißt: er war im Kulturraubbusiness tätig. Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg war bekanntlich als Kunsträuber äußerst erfolgreich und hat ziehmlich alles, was nicht niet- und nagelfest war, zusammenramassiert. Der Einsatzstab erlangte damit eine zweifelhafte Berühmtheit. Dabei scheint Reinerth nicht die ganz große Rolle gespielt zu haben. Er hat den Krieg überlebt. Ich hab’ im Internet noch was mit Pfahlbauerforschung und Pfahlbauermuseum gelesen und dass er beim Bund der Sporttaucher war.

Huber: Zwischen Pfahlbauten und Tauchen gibt’s einen gewissen Zusammenhang.

Ruth: Richtig. Dem Ahnenerbe kam die Unbeliebtheit Reinerths insofern zugute, als dort etliche Wissenschaftler, die sich mit Reinerth überworfen hatten, Unterstützung suchten. Zum Beispiel Neuhofen. Als schlagkräftige und einflussreiche Organisation kümmerte sich das Ahnenerbe unter anderem darum, SS- und der SS zugeneigte Professoren an Hochschulen unterzubringen. Zudem »sicherte« es seinerseits Sammlungen aus Universitäten und Bibliotheken und auf Erlass des Reichsführers SS beschlagnahmte auch das Ahnenerbe »Güter mit kulturellem, historischem oder künstlerischem Wert.« Dabei kam es in der Ukraine in die Quere mit dem Einsatzstab.

Huber: Aber offenbar nicht nur in der Ukraine. Neuhofen wollte in seinem Gutachten ja die Rolle des Ahnenerbe forcieren, Reinerth hielt mit seiner Expertengruppe dagegen.

Ruth: Genau. Aber Huber: Achtung! Der Fibelfall war erstens etwas früher und zweitens befindet er sich auf einem sehr bescheidenen Bedeutungsniveau. Die Dimensionen, in denen sich das Ahnenerbe, das Amt Rosenberg und der Einsatzstab bewegte, waren in der Regel dramatischer. Und die Vergehen drastischer. Bei ihnen handelte es sich um Kapitalverbrechen, beim Fibelfall um Kleinkriminalität. Ein persönliches Techtelmechtel unter Leuten, die einander nicht mögen.

Huber: Ja, schon klar. Ich will mit der Lunewitz-Episode keine Dramatik-Entlehnung betreiben.

Ruth: Genau. Bitte nicht. Also weiter: Das Ahnenerbe konnte sich besser in Szene setzen, weil es im Jahre 1942 von ganz oben ermächtigt wurde, die gesamte »germanische Arbeit« in die Hände zu nehmen.

Huber: Und Neuhofen war dabei?

Ruth: Ja. Carl Neuhofen bemühte sich, der SS zuzudienen. Im Reichskommissariat für die Niederlande, in das der Kölner Professor berufen wurde, war er für Hochschulfragen zuständig. Neuhofen schloss die aufmüpfige Universität in Leiden, dafür sollte er ein Germanisches Hochschulinstitut in Den Haag gründen. Als ich über den Fall Schneider/Schwerte und Schneiders Verbindungen zu holländischen Universitäten forschte, ist mir Neuhofen über den Weg gelaufen. Ich hab’ mal in der Zeitung über den Fall Schneider/Schwerte geschrieben. Erinnerst Du Dich?

Huber: Nur schwach.

Ruth: Schneider war Germanist und SS-Hauptsturmführer. Fürs Ahnenerbe war er in den Niederlanden tätig. Da Neuhofen das Hochschulwesen in den Niederlanden gut kannte, trat Schneider offenbar mit ihm in Kontakt. Wie ihre Beziehung genau ausschaute, ist nicht bekannt. 1945 gab sich Schneider eine neue Identität, sprich: er entnazifizierte sich gleich selbst. Als Hans Schwerte machte er als Literaturwissenschaftler Karriere und wurde schließlich Rektor an der Uni Aachen. Er galt als linksliberal und zeigte in den 1960er-Jahren großes Verständnis für die revoltierenden Studis.

Huber: Eine gewisse Unverfrorenheit kann ihm nicht abgesprochen werden.

Ruth: Ach Huber, Du drückst Dich wieder mal sehr vornehm aus…

Huber: Und Neuhofen?

Ruth: Der war einst Schüler von Reinerth. Er überwarf sich aber mit seinem Mentor und wechselte die Seiten, er näherte oder vielleicht müsste man sagen, er biederte sich dem Ahnenerbe an und durfte deshalb nach Holland. Nach dem Krieg wurde er, soviel ich weiß, offiziell entnazifiziert. Erwünscht war er in der Universität Köln nicht mehr. Gleichwohl spielte er nur eine Nebenrolle im nationalsozialistischen Personenkabinett.

Huber: Neuhofen selbst erhob am Landgericht München Anklage gegen Lunewitz…

Ruth: … wohlwissend, dass Adlaten des Reichsbundes für die Echtheit der Fibel einstanden…

Huber: … und vielleicht auch wohlwissend, dass er sein eigenes Gutachten frisiert hat?

Ruth: Das sagst Du. Eines ist klar: Neuhofen lancierte bewusst einen Angriff auf Reinerth. Und bekam recht. Reinerth sann nach Rache, indem er mit seinen willfährigen Kollegen Neuhofen zu desavouieren versuchten und indem sie ihn und Zobel fehlerhafter Gutachten bezichtigten. Und dann entdeckten sie – oh Wunder, oh Wunder – das arianische Kreuz. Weißt Du wie es ausging?

Huber: Noch nicht.

Fortsetzung hier.

Hier geht’s zu Teil 1 des Kunstskandals.

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Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)