Aus der Familiengeschichte: Ein wunderlicher Fund (10)

Teil 10 und Schluss: Das Geständnis
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Der Schlussstein wird gesetzt.

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Huber wurde es gewahr, welche schon fast ironische Note diese Geschichte erfuhr: Dass Himmler bei Neuhofen verklausuliert nachfragte, ob er die Fibel nicht in einem neuen Gutachten als echt erklären könnte, sagt alles. In diesem kurzen Satz zeigt sich das ganze Ausmass dieser Farce, denn als Farce musste dieses peinliche Gezänk um die Echtheit eines solch wertlosen Klunkers, die Huber in den Händen hielt, unter allen Umständen bezeichnet werden.

Huber ging ins archäologische Institut, um vielleicht noch weitere alte Artikel aus der Fachliteratur zu finden. Und tatsächlich, die Geschichte mit der Adlerfibel erfährt einen kleinen Epilog, der der ganzen Tragikomik dieser lächerlichen Episode das I-Tüpfelchen aufsetzt.

Huber findet eine Untersuchung aus den 1970er-Jahren, die sich mit zahlreichen Fälschungsgeschichten befasst. Auch mit der Adlerfibel von Tieschkowitz. Leider konnte er das Buch nicht ausleihen, da es zum Präsenzbestand gehörte. Und es war nicht erlaubt zu kopieren. Huber notierte sich ein paar Stichwörter. Der Schlussstein dieser Farce sah wie folgt aus:

Der Autor schreibt, dass der Fall mit der Adlerfibel ein klassisches Beispiel für die Verpolitisierung der Wissenschaft darstelle, wie sie in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts vor allem die deutschen Früh- und Vorgeschichtler sowie die Archäologen verfolgt hätten. Ihr Vorkämpfer hieß Gustav Kossina, der die Auffassung vertrat, dass Deutschland nach der Niederlage von 1918 zu mehr »Waffenstolz« finden müsse, nur damit könne »das Volk die Freiheit« wiedererlangen. So wurde jeder Fund eines Scramasax’, eines Dolchs oder eines Schwerts aus altgermanischer Zeit als sensationelles Ereignis bezeichnet und zu einem außerordentlichen Beweis der germanischen Wehrkraft stilisiert, das heißt, es fand eine permanente Überzeichnung und Überschätzung eines schon fast x-beliebigen Fundstücks statt. Auch weitere, nicht-martialische Schmuckstücke zeugten selbstredend von der germanischen Hochkultur, die über allem stand. Dann referiert der Autor die Auseinandersetzungen rund um die Fibel. Die Pointe, und hier dachte Huber sehr bewusst an das Wort Pointe, denn eigentlich handelte es sich um einen Witz, einen Riesenwitz, ging so:

1949 sprach ein unscheinbarer Mann mit einer kleinen runden Nickelbrille beim Direktor des Amts für Denkmalpflege in München vor. Er wies sich als Goldschmied aus, ihm sei aber nach dem Krieg die Arbeit ausgegangen und er suche nach einer Beschäftigung in seinem Berufsfeld. Die Denkmalpflege habe doch sicherlich kleinere Restaurierungsaufträge für ihn zu vergeben. Der Chefbeamte erkundigte sich nach seinen Referenzen. Da legte der Goldschmied ein paar Fotos auf den Tisch. Wir ahnen es: Auf einem der Bilder war die Adlerfibel abgelichtet. Der Beamte erkundigte sich nach dem Auftraggeber der Fibel. Der Goldschmied gab unumwunden zu, dass es Lunewitz gewesen sei. Er habe seinerzeit für den Kunsthändler mehrere Schmuckstücke angefertigt, darunter die Adlerfibel von Tieschkowitz. Kurz nach der Auftragserteilung im Juni 1937 sei er nach Nürnberg gefahren und habe im Germanischen Museum die Cesena-Fibel genauestens studiert. Lunewitz habe ihm gesagt, das Stück solle ungefähr gleich groß sein wie die Vorlage in der Vitrine, der Adlerkopf solle sich aber auf die linke Seite wenden. Der Auftraggeber selbst lieferte die Almandinen, mit denen der Schmuck verziert werden sollte, die aber eigens noch geschliffen werden mussten. Die brillante Idee mit dem arianischen Kreuz stammte ebenfalls von Lunewitz. Dass der Kunsthändler nach der Fertigstellung die Fibel leicht beschädigte, sie mit Patina und einer Sinterkruste versah, um vorzutäuschen, dass sie altgermanisch sei, davon hatte der Kunsthandwerker keine Ahnung. Dabei dürfte auch die Schweinborste verloren gegangen sein. Die Herstellung des Schmuckstücks ist fein säuberlich protokolliert und der Goldschmied hat jeden einzelnen Arbeitsschritt fotografiert. Lunewitz habe gesagt, die Schnalle würde einem wissenschaftlich interessierten Kunden angeboten, der eine perfekte Imitation einer Adlerfibel verlangt habe.

Der Denkmalpfleger legte dem Handwerker die Bilder von van Thoma vor, die er sich bringen ließ. Für den Goldschmied, der offenbar nicht ganz von dieser Welt zu sein schien und auch das Gutachten nicht im Detail kannte, war es eindeutig, dass sein Werk mit jenem, das van Thoma in seinem Aufsatz beschrieb und abbildete, identisch war. Der Perlrand und die Zelleneinteilung stimmten überein. Das Gold komme von der Firma Degussa. Natürlich habe er den Prozess am Landgericht München am Rande mitverfolgt, er kannte ja den Angeklagten persönlich, es sei ihm auch bewusst gewesen, dass es sich möglicherweise um seine Anfertigung gehandelt habe, aber die Bilder seiner nachbearbeiteten Fibel sähe er jetzt zum ersten Mal. Warum er sich denn nicht beim Gericht gemeldet und als Zeuge ausgesagt habe, wurde er vom Denkmalpfleger gefragt. Damit wäre er straffällig geworden und man hätte ihn sicherlich festgenommen, vielleicht hätten sie ihn in ein Gefängnis oder in ein Arbeitslager gesteckt, das wollte er auf jeden Fall vermeiden, er habe schließlich Frau und Kinder. Ihm sei es entgegengekommen, dass im Prozess eine Fälscherwerkstatt aus Budapest als wahrscheinlicher Hersteller im Vordergrund stand. Ob er Lunewitz noch einmal gesehen habe, wollte der Beamte wissen. Ja, doch, er habe sich nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis gemeldet, er habe ihn gefragt, ob sie wieder miteinander arbeiten wollten. Der Goldschmied lehnte aber entschieden ab. Erstens wolle er nichts mehr mit einem Betrüger zu tun haben und zweitens habe Lunewitz ihn damals dermaßen schlecht bezahlt, dass eine Fortführung der Zusammenarbeit ohnehin nicht in Frage gekommen sei. Der Beamte wunderte sich nicht sonderlich über die Unverfrorenheit des Hochstaplers.

Hinterher führte der Denkmalpfleger in einer Stellungnahme aus, er bedaure, dass der unterdessen verstorbene Zobel diese »endgültige und nicht anfechtbare Gewissheit« über die Richtigkeit seiner Analyse nicht mehr erfahren konnte und die definitive Bestätigung seines Urteils bezeugt erhalten hatte. Zobel, so wird der Denkmalpfleger zitiert, sei ein »ausgezeichneter und prinzipientreuer« Wissenschaftler gewesen, der »völlig unabhängig und gegen jeden Druckversuch« seiner Berufung nachgegangen sei. Er sei weder mit dem »bezahlten und daher korrumpierbaren Expertenwesen noch mit dem Händlertum« verflochten gewesen. Er habe mit Mut und »selbstlosem Durchhaltewillen« in widrigen ideologischen Verhältnissen und gegen jede politischen Beeinflussungsversuche »die Freiheit der Wissenschaft verteidigt«. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: »die Freiheit der Wissenschaft verteidigt«. Obwohl das »Festhalten an Wahrhaftigkeit« unter den gegebenen Umständen unbeliebt, mitunter gefährlich war, habe er kein Jota davon abgewichen. Interessant, dass bei dieser Würdigung Neuhofen, der später zum Handlanger für das Ahnenerbe wurde, mit keiner Silbe erwähnt wurde. Seinen Ruf hatte sich der Opportunist ganz offensichtlich verscherzt.

War’s das?, fragte sich Huber. »Ja, das war’s«, war seine Antwort. Über siebzig Jahre verschwand die Adlerfibel in einem Tresor in Lugano. Bei seinem Vater. Mehr gibt’s nicht zu berichten. Ruth hatte recht: es handelte sich um eine kleinkriminelle Tat, bei der ein persönliches Techtelmechtel unter Leuten, die einander nicht mögen, im Vordergrund stand.

Hier geht’s zu Teil 1 des Kunstskandals.

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Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)