Andreas Widmer über das, was man gelernt hat, weil es nicht funktioniert

Eine zweite Welle wäre verheerend
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Ein paar Fakten zum aktuellen Stand der Dinge vom Infektiologen am Universitätsspital Basel und Präsidenten von Swissnoso Andreas Widmer aus einem Interview mit der NZZ vom 3. Oktober 2020
Ticketschalter offen. Hier im Flughafen Genf-Cointrin in den 1970er-Jahren (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz; Fotograf: Swissair)
Ticketschalter geschlossen. Zuschauereingang Nord, altes Wankdorfstadion, Bern, 2001, Ausschnitt (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv; Fotograf: Roger Huber; Hans Kobi)
»Auch bei anderen Gelegenheiten werden sie sich wohl nicht so diszipliniert verhalten, vor allem, wenn ein unerwarteter Sieg gefeiert wird.« (Andreas Widmer). Jubelnde Zuschauer beim WM-Qualifikationsspiel Schweiz - Schweden (3:2) 1961 in Bern. (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv; Fotograf: Comet Photo AG)

»Momentan haben wir die Lage im Griff. Allerdings befürchte ich, dass es sich eine trügerische Sicherheit handelt. Ich bin diametral anderer Meinung als der Epidemiologe Marcel Salathé. Ich bin keineswegs der Ansicht, dass die Schweiz bereits aufatmen kann. Die zweite Corona-Welle ist nach wie vor möglich. Das wäre für die Schweiz verheerend… Wir haben erst Anfang Oktober und die Grippesaison ist noch nicht da…

Bei der An- und Abreise kommen sich die Fans (von Fußball-, Eishockeyspielen und anderen Massenveranstaltungen) nahe. Auch bei anderen Gelegenheiten werden sie sich wohl nicht so diszipliniert verhalten, vor allem, wenn ein unerwarteter Sieg gefeiert wird… Weil die Fans während langer Zeit laut singen und grölen, könnte es an einem solchen Ereignis zu vielen Ansteckungen innert kurzer Zeit kommen (Aerosole). Hier drohen Hotspots… (Im März) waren es wenige Veranstaltungen rund um die Schweiz, die zu Hotspots wurden und die Spitäler stark belasteten… Wenn in der Schweiz ein solches Ereignis (Aprés-Ski in Ischgl, Freikirchler in Mulhouse, Fußballspiel in Mailand) passiert, dann gute Nacht!… Zu dieser Zeit wird die Influenza grassieren, und die Betten sind ohnehin zu mindestens 95 Prozent ausgelastet… Tatsächlich grassierte die Grippe in Australien und Südafrika zehn Mal weniger… Doch ich warne davor, dieses Szenario auf die Schweiz zu übertragen. Wenn das auch in Europa so ist, dann erhalten wir in den Spitälern mehr Spielraum. Doch wehe, wenn wir uns irren! Dann haben wir in den Spitälern Verhältnisse wie im Frühjahr in Mailand geherrscht haben…

Die Gesellschaft entscheidet, in welche Richtung es geht… Es ist ein Fehler, wenn man Maskentragen, Händedesinfizieren oder Social Distancing getrennt hervorhebt, statt das ganze Bündel zu erwähnen… Eine gewisse Schutzwirkung gegen Coronaviren ist (bei Masken) heute gesichert… Wenn der Abstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann, müsste auch im Büro eine Maskenpflicht gelten… In den letzten drei Monaten wurde praktisch keiner der geschätzt 100’000 Spitalmitarbeiter (mit Maskenpflicht, a.s.) am Arbeitsplatz angesteckt… Wenn jemand nicht spricht, dann ist er extrem wenig infektiös. Spricht jemand sehr laut, nimmt das Risiko markant zu. Singen, Jodeln oder Grölen ist schlicht eine Katastrophe… Auch… das Beispiel der Freikirche im Elsass hat mich geschockt… Die Keimdichte spielt dabei eine wichtige Rolle…

Wir haben (bei der Behandlung, a.s.) vor allem gelernt, was nicht funktioniert. Übrig geblieben sind Remdevisir (dessen Wirkung aber nicht bewiesen werden konnte, a.s.) als antivirale Substanz und die Immunsuppression durch das günstige Dexamethason… Ich rechne damit, dass ein eigentliches Medikament erst im Herbst 2021 (auf den Markt kommt)… Ich glaube an die Impfung, doch diese wird bei weitem nicht alle Probleme lösen. Schlicht und einfach weil sich zu wenig Leute impfen lassen… Eine SRF-Umfrage hat gezeigt, dass die Impfbereitschaft ist bei weitem nicht so groß (um eine sogenannte Herdenimmunität zu erreichen) … Eine Impfpflicht wäre wohl nur möglich für Krankheiten wir Pocken und Ebola, wo die Leute reihenweise sterben.«

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Virus

Der Pandemieplan Schweiz, in der aktuellen Fassung der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2018, ist ein Planungsinstrument, das Strategien und Massnahmen zur Vorbereitung der Schweiz auf eine (Influenza-)Pandemie dokumentiert. Er wird von der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Der erste Pandemieplan für die Schweiz wurde von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Steffen ausgearbeitet. Die Vorarbeiten wurden 1995 begonnen; der erste schweizerische Influenza-Pandemieplan wurde im Jahr 2004 veröffentlicht. Ein zentrales Anliegen sei laut Steffen dabei gewesen, dem Bund die Führung zu überlassen.

Nach den Erfahrungen in der Bewältigung der Influenza-Pandemie 2009 wurde der Schweizer Pandemieplan vollständig revidiert.

Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, 

(abgerufen am 2.5.2020)